, schleichen die trüben Tage gleich Jahrhunderten dahin, schauckelnd auf langsamer fauler Woge, und lassen dem Mitschwimmer Muse genug, in die Tiefen zu schauen – in die Klüfte die sich aufreissen während seiner Bahn. Damit er sich all ihre Schrecknisse einpräge im sichern Gedächtniss. Diese ernsten Anschauungen mitzuteilen, ist ein Bedürfniss des Alters, das ohnehin nur allzuoft den kekken gang kraftbewusster Jugend in den prüfenden Schritt der alternden Bedächtigkeit verkehren möchte. Der greise Jochäi öffnete also auch, sobald der Ruheabend eingebrochen, den Schatz seiner Rede und Erfahrung, und unterhielt den Sohn und die Enkelin von den Schicksalen und begebenheiten ihres volkes. Heute hörte ihm jedoch nur die reizende Ester zu, da ihr Vater unbegreiflicher Weise von seiner Handelswanderung noch nicht zurückgekommen war. Es schien überhaupt an diesem Abend ein besonderer Unstern die Ordnung des Hauses zu verrücken, denn auch der Diener und Mitgenosse desselben war ausgeblieben, und sein Platz hinter dem Ofen von der Sabbatmagd, der stummen Grete, eingenommen, die darin gähnend mit dem Schlafe kämpfte, und nur dann und wann aus dem Winkel hervorschlich, um die verdüsterten Lampen zu putzen.
"Die Möglichkeit, zu vergessen solche Greuel, wie ich sie erlebt," sprach Jochai, mit gepresster stimme seine Erzählung endend, – "liegt ausser der Gewalt des Menschen. Der fromme Rabbi Simeon, mein weiser Lehrer, dem das Paradies sei, sprach zu mir auf seinem Sterbelager, wo er noch in Frieden dahin fuhr: Junger Bube; wir leben noch anjetzo in goldener Gefangenschaft. Wir haben einen Herrn, einen harten Herrn, aber er ist gerecht, und gönnt uns den Schatten seiner Gesetzpalmen. Aber, es wird kommen eine Zeit – wohl mir, dass ich sie nicht mehr sehe, – eine Zeit der höchsten Trübsal und Prüfung. Wehe wird gerufen werden über Israel! Machet aber nicht, dass die Gerechten im Paradiese über euch Wehe schreien. Haltet fest an den Büchern eurer Väter, an dem Gesetz, das unmittelbar gekommen ist, von dem, den ich nicht ausspreche, und habt ihr gekostet die bittre Frucht der Zeit, so mischet den Wehrmut ihres Gedächtnisses dann und wann in die Speise eurer Kinder und Enkel, dass sie nicht ablassen zu flehen zu dem Allmächtigen, dessen Herrlichkeit unmittelbar unsre Scheitel berührt, damit er endlich seine Verheissung erfülle, und uns den Messias sende, den Ersehnten! – Ach, sie ist erfüllt worden, des frommen Rabbi's Prophezeiung, ... wir haben sie gekostet, die bittre Frucht der zeiten, die da s i n d , aber noch immer zögern die Jahre, die da kommen sollen im Gefolge des Messiah!"
"O, sage doch, lieber Grossvater," fragte Ester neugierig: "werden sie denn wirklich so schön sein, die Tage, über die der Verheissne als König gebietet?"
"Herrlich, meine Tochter!" erwiderte der Greis mit leuchtenden Augen: "herrlich, über alle Beschreibung. Wir werden wieder sein wie Sand am Meere, herrschend über alle Völker der Erde. Das Leben wird verfliessen in unvergänglichen Laub- und Friedenshütten! Das neuerbaute Jerusalem wird sein die Stadt der Welt, und in seinem Tempel werden alle die vom weib geboren sind, dienen und opfern. An Üppigkeit werden die Saaten ins Unendliche gedeihen, das Korn zu riesenhohen Garben erwachsen, die Weinstöcke ungeheure Trauben erzeugen, die Flüsse Milch und Honig fluten. Selbst die Gestirne werden sich des herrlichen Zeitalters freuen, der Sonne dreihundertfältiger Strahl den Himmel in Paradiesesglut tauchen, des Mondes Schein die Nacht zum schönsten Maientag verklären!"
"Welch' reizende Zukunft!" rief Ester hingerissen: "Warum ist sie nicht schon zur Gegenwart geworden!"
"Noch zürnt der Gebenedeite!" versetzte Jochai mit zerknirschter Beugung des Hauptes: "noch hört er nicht die Stimmen seiner Kinder, die zu ihm schreien aus der Tiefe. Noch hält der Vater des Bösen, der Fürst der Wildniss, der grausame Sammael das Ohr des Herrn verstopft, weil er nicht will, dass unsere Gebeine ruhen im Schosse des gelobten Landes. Aber endlich wird der Schrei unsrer Not dennoch zu dem lieblichen Gabriel dringen, dem Boten der Barmherzigkeit, und jede neue Morgenröte kann uns den Verheissnen senden, – mit ihm unsre Rettung."
"Käme sie doch morgen schon!" seufzte Ester: "Ich verliere alle Lust zum Leben, und mir ist gar oft der sündhafte Gedanke gekommen, als wäre doch am Ende besser eine Christin zu sein auf Erden, als ..."
"Rede nicht aus!" fuhr Jochai auf: "Der Herr nehme den Greuel von Dir, den Du gedacht! Warum hegst Du so töricht Verlangen, das Dich in das Feuer der Gehinnam bringen könnte?"
"Verzeihe mir, Grossvater!" sprach die liebliche Ester, und kreuzte die hände bereuend auf der Brust: "aber gestehe, dass wir dahin leben, wie die trauernde Weide am sumpfigen Teiche. Ihr Männer geht aus in die Welt, seht Länder und Menschen, und gewinnt mühsam dem geizigen Gojims Euer Leben ab. Diese Art zu sein hat manche Freiheit, manche Lust. Wir aber, wir vertrauern unsre Tage daheim. Versorgt auch Eure Güte uns mit den Leckerbissen, die uns behagen, mit der Bequemlichkeit die unsre Lust ist, mit dem köstlichen Putz, der uns so sehr gefällt, ... was hilft uns dieses Alles? Von der harten Fessel eingeklemmt, müssen wir all