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und segne Euern Schlaf." – "O bleibt," flüsterte Margarete, mit der weissen Hand aus dem Halbdunkel, hervorwinkend: "lasst mich den Augenblick benutzen und tretet bei mir ein." – Dagobert stutzte, und Margaretens frühere unverholne leidenschaft für ihn, und auch zugleich etwas von des ägyptischen Josephs geschichte fiel ihm ein. Er zögerte. – "Um der göttlichen Barmherzigkeit willen!" seufzte die Stiefmutter dringend: "Einen Augenblick nur hört mich an. Fürchtet nichts, mein lieber Sohn!" – Die Bitte klang so rührend, dass Dagobert ferner kein Bedenken trug, einzutreten in das warme trauliche Gemach, in welchem, beim halben Schimmer einer verdeckten Lampe, die schöne Margarete im tiefen Nachtgewande ihn empfing. Sein Herz pochte, seine Hand zitterte in der ihrigen, aber besonnener als s i e , zog er den Schirm von der Lampe, und fühlte eine Art von Beruhigung, da er in kein von lüsternem Verlangen erregtes Gesicht, sondern in ein Antlitz voll Kummer und Gram, in tränenvolle Augen sah. – "Was begehrt Ihr?" fragte er sanft und mitleidig die weinende Frau: "Ich bin bereit mit Wille und Tat; nur einen Rat verlangt nicht, denn ich bin gerade in einer ganz besonderen Stimmung, wo mir Alles bunt durch den Kopf geht." – "Ich bin gränzenlos unglücklich!" brach Margarete unter bittern Tränen aus, und sank auf einen Stuhl: "Ich bin ein armes Weib, nicht fehlerfrei, aber so entsetzlich sollt' ich doch nicht für meine unschweren Vergehen büssen!" – "Der Gedanke und der Wunsch nach einem Fehltritt macht ihn oft zur Folter, als sei er schon vollbracht," meinte Dagobert; doch bereute er schnell den Stachel seines Worts, und setzte hinzu: "redet, und gebe Gott, dass ich helfen könne." – "Mein Herr, Euer Vater war hier;" sprach Margarete in kurzen Absätzen. – "Er hat unmenschlich gegen mich gewütet. Argwohn und Grimm teilen sich in seine Seele. Unbezweifelt scheint es ihm, dass mein Bruder Wallraden aufgefangen, und dass ich die Anstifterin des Frevels gewesen. Ich kann bei dem ewigen Gott beschwören, dass ich unschuldig bin, aber Herr Dieter glaubt meinen Schwüren nicht. Wie soll ich ihn überzeugen? Sprecht; Ihr könnt mir Euern Rat nicht verweigern, noch Eure hülfe; denn auch Euch verwickelt der Argwohn in seinen Verdacht. Er glaubt ein Verständniss zwischen uns beiden wahrzunehmen." – "Ein schönes Vertrauen in Gattin und Sohn!" erwiderte Dagobert aufwallend: "Uns traut er einen Bund von dieser Schändlichkeit zu? Wir sollten einen Menschen, unsre Verwandte an Räuber verkauft, wohl gar aus dem Wege geräumt haben? Der Vater hat sich sehr geändert. Aber Ihr habt Recht, arme Stiefmutter. Wer nicht glauben will, muss die Überzeugung in der Hand sehen. Um Euern Ruf und den meinigen zu retten, setze ich mich morgen zu Pferde, und reite in der Welt herum, bis ich die Spur des Unkrauts gefunden." – "Ihr seid ein wackrer edler Mensch!" sagte Margarete mit auflebender Hoffnung, seine Hand in ihre gefalteten nehmend: "Seid Ihr mein Hort, wenn mich die ganze Welt verlässt, ... dann fürchte ich nichts. Guter Dagobert;" fuhr sie mit dem Ausdruck verschämter Dankbarkeit fort: "leider kann ich noch nicht so offen gegen Euch sein, als ich es sollte, denn Ihr seid unfähig, mich zu verraten und unglücklicher zu machen, als ich schon bin. Indessen, kehrt Ihr zurück, so sollt Ihr mehr erfahren, von dem Ihr Euch nicht träumen lasst; und dann beklagt mich vollends, und flucht mir nicht." – "Ich verstehe Euch nicht;" entgegnete Dagobert unbefangen: "ich hoffe auch nicht, jemals aus Euerm mund etwas Fluchwertes zu erfahren; aber bei dieser gelegenheit entsinne ich mich plötzlich eines Auftrags, den ich von guter Hand erhalten, und dessen ich mich gegen Euch entledigen muss, bevor ich ausreite, lieb Schwesterlein zu suchen. Der arme Jude Ben David, der unter der Anklage unerhörter Verbrechen im Kerker jammert mit seinem hundertjährigen Vater, lässt Euch dringend um hülfe anflehen."

Margarete erblasste. – "Es sei die höchste Zeit, lässt er Euch vermelden," fuhr Dagobert fort: "die Folter sei ihm schon angedroht, und er würde sie am Ende nicht aushalten können. Ihr möchtet also, da er von Euch allein hülfe erwarten könne, damit nicht säumen, und seiner Ergebenheit gewiss sein." – "Nicht säumen!" wiederholte Margarete langsam und erschöpft: "Dieses setzt meinem Elend die Krone auf. Wie soll ich ihn, wie mich retten?" setzte sie händeringend und ausser sich hinzu. – "Beruhigt Euch," sprach Dagobert tröstend: "E u c h rette i c h vom schmählichen Verdacht, und einer Fürbitte ist der arme Jude wohl wert. Die Schöffen werden über den Elenden richten, und ein gutes Wort an den Vater ist wohl nur mit dem Ansuchen gemeint. Schlägt's der Vater ab, so habt Ihr Menschenpflicht getan, und könnt ruhig sein." – "Ruhig?" rief Margarete wie in Verzweiflung: "Ich m u ss den Juden retten .... bald retten, oder ich bin verloren! Dagobert! Edler Mensch! Mann, den ich leidenschaftlich liebte, den ich