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gesungen wurde, begleitet vom einem tobenden Lärm ungezogener Handwerksgesellen und Strassenbuben: "Ach, Du armer Judas! Was hast Du getan? Weiss ich doch sonst was, das geht Dich auch an. Ach, du armer Judas! Was hast Du getan!" – Unter diesem Geheule, dem der blutdürstigen Wölfe zu vergleichen, fiel ein neuer Austritt vor herzzerreissender als der, den das schöne Evchen gegeben hatte, und schmerzlich im höchsten Grade für Dagobert. Eine Dirne stürzte herbei, mit aufgelöstem Haare, bleich wie der Tod, aber bildschön im höchsten Kummer selbst; Ester, die verzweifelnde Ester, die herzueilte, jetzt erst von dem schrecklichen Gange unterrichtet, den ihr Vater tun musste, welchen bisher zu sehen, ihr nicht vergönnt gewesen. Zu seinen Füssen drängte sie sich durch, seine hände drückte sie mit Inbrunst an's Herz, die ihrigen streckte sie nach Jochai aus, – aber wilde Gewalt stiess sie von ihren Lieben zurück. Vergebens jammerte, vergebens flehte sie, vergebens bot sie, was sie von Wert bei sich trug, für die Gnade, ein paar Augenblicke lang sich mit dem Unglücklichen zu letzen ..... ihre Bitten prallten ab von den Panzern der Wächter, und da endlich diese letzteren es nicht ferner über sich gewinnen konnten, die rührende Schönheit unbarmherzig mit ihren Waffen zurückzuweisen, so kam eilfertig der Stöcker herbei, um zu tun, was dem Krieger wiederstrebte. Aber, so wie er die arme ausstreckte, um Ester zu ergreifen, fühlte er einen so heftigen Schlag im Genicke, dass ihm die Lust verging, weiter vorzudringen. – "Gott verdamme Dich, ungehobelter Gesell!" rief dem bestürzt zurückschauenden Dagobert in's Ohr, welcher die Peitsche schwang, um nötigenfalls seine kräftige Zurechtweisung zu wiederholen: "So Du noch einmal Dich unterfängst, die Dirne hier durch Deine schändliche Berührung unehrlich machen zu wollen, so breche ich Dir den Hals!" – Der Nachrichter schrie nach hülfe. Das Volk lachte den Verhassten aus, und höhnte ihn. Da kehrte der Oberstrichter zurück. "Was gibts da?" herrschte er: "Wer nimmt Partie für die Jüdin?" "Ich Herr," entgegnete ihm Dagobert trotzig: "Ich Dagobert Frosch, des Schöffen und Altbürgers Sohn." – "Schande für Euch!" eiferte der Oberstrichter: "Stökker! schafft das freche geschöpf weg!" – "Dem Schurken kostets die Ohren!" versetzte Dagobert, seinen Dolch ergreifend: "Er wage es nicht. Schande ist's für Euch, edler Herr, solche Gesellen in Eurem Gefolge zu führen. Den Verdammten ergreife der Henker, – den Unschuldigen nicht." – "Die Jüdin gehört mein!" liess sich der Stöcker vernehmen: "Sie hat dem Gebot zuwider gehandelt, und ist auf die Gasse gelaufen ohne Schleier und Judenzeichen. Das Halseisen gebührt ihr, und mein gehören ihre Haarflechten, so sie dieselbe nicht mit Geld lösen mag." – "Der Teufel auf Deinen eignen geschornen Schädel gehört Dir, Galgenrabe!" zürnte Dagobert dem Burschen entgegen: "Soll die Dirne deshalb büssen, dass sie in ihres Herzens Angst Euer Verbot vergessen?" – "Sie ist eine schlechte Jüdin!" rief der Oberstrichter. – "Ein Jude ist auch ein Mensch!" antwortete ihm Dagobert zorniger denn zuvor: "Und kurz und gut, Ihr lasst sammt Euern Helfershelfern das Mädel in Frieden, oder ich will Euch zeigen, wie man mit Hunden umgeht!" – Der Stöcker entwich bei der furchtbaren Bewegung, die der Jüngling gegen ihn machte. Aber zu gleicher Zeit rissen auf einen Wink des Richters, die Knechte, die Gefangenen von dannen, welche indessen Musse gehabt hatten, einige Worte mit Ester zu wechseln. Diese Letztere aus den Klauen der Schergen und des Pöbels zu retten, der nur des Richters Entfernung erwartete, um an der Ärmsten seine rohe Willkür zu üben, war Dagoberts Bestreben von nun an. "Komm Dirne, mit mir!" rief er dem Mädchen zu: "ich führe Dich in's Freie!" – Dankend näherte sich ihm Ester, von Tränen überströmt. Der Oberstrichter lachte höhnisch auf. – "Ein wackres Ritterstücklein!" versetzte er: "werde's zu rühmen wissen, und Euch deshalb beloben!" "wie's Euch beliebt!" rief dem Scheidenden Dieter's Sohn nach: "Wir sprechen uns wohl noch anderswo, Herr Oberstrichter!" – Der Letztere warf ein kurzes: "Ich denke's!" zurück, und ging trutziglich davon. "Fass meinen Steigbügel an!" sprach hierauf Dagobert zu der zitternden Ester, um die sich der Pöbel brausend drängte, im Begriff seinen Schmähungen Luft zu machen: "Halte Dich fest; und Du, Vollbrecht, reite auf des Mägdleins anderer Seite. Ihr aber, Gesindel, bleibt zurück, oder wahrt Eure Köpfe!" – Nach dieser Warnung ging es so schnell davon, als die zwischen den Pferden gehende Ester Schritt zu halten vermochte. Bis an den Ausgang der Strasse wogte die Menschenmasse nach; da indessen einige wohl angebrachte Peitschenhiebe ihres Zwecks nicht verfehlten, und die Unbändigsten des Pöbels in ihre Schranken wiesen, blieben die Uebrigen zurück, und bloss mehrere Steinwürfe, die nicht trafen, gaben das letzte zeugnis von der ohnmächtigen Wut des volkes. "Wohin soll ich Dich bringen?" fragte Dagobert, um die verwunderten