Stadt gelaufen, weil, wie es heisst, die gefangnen Juden vor Gericht gestellt werden. Ich hätte nicht selbst das traurige Schauspiel sehen mögen, aber wissen will ich doch, was an der Sache ist, weil der Eine der Gefangnen mir besonders am Herzen liegt, und ich mir nicht einbilden kann, was er verbrochen haben soll." – "Wen meint Ihr da?" fragte Dagobert aufmerksam. – "I nu, den armen Mann Ben David, der mit seinem Vater im gefängnis liegt," versetzte Crescenz: "und der eben jener Wohltäter war, welcher ein halbes Jahr hindurch mein und meines Kindes Leben fristete." – "Ben David, sagt Ihr?" fuhr Dagobert heftig fort: "der Jude Ben David? Er heute vor Gericht? Er noch nicht frei? und auch Jochai im Kerker? Beim Himmel! Du weisst nicht, Crescenz, welche Nachricht Du mir mitteiltest. Ich muss fort, – zur Stelle fort; Vollbrecht! die Pferde vor!" – "Ei, was habt Ihr denn, mein guter Junker?" rief Crescentia: "So schnell, und auf diese Nachricht hin wollt Ihr scheiden? Wie ist mir denn? Kennt Ihr den Juden? Habt Ihr schon etwa vernommen, wessen er beschuldigt?" – Aber ihre fragen, und ihr Rufen verhallte, denn schon sass Dagobert zu Ross, schon flog er mit seinem Knechte den Sandweg hinab zur Heerstrasse, und erreichte in Kurzem die Stadt. Wie im Fluge ging's, zwingen und Gassen entlang bis zur Judenstrasse. Hier waren jedoch die Reiter gezwungen, ihre Pferde zu bändigen, denn die Gasse stand gedrängt voll von Menschen. Aller Augen auf Ben David's Haus gerichtet, Aller Lippen in unruhig schwatzender Bewegung. Die Bewohner der Gasse hielten sich in ihren Wohnungen verkrochen, Wache hatte die Pforte von David's haus besetzt, aber dennoch strömten Menschen darin aus und ein, und so eben führte man daraus ein ohnmächtiges Weib auf die Gasse, in Gewändern, wie sie die Bürgerinnen kleiner Landstädte zu tragen pflegten. "Das arme Weib!" scholl es teilnehmend aus dem mund aller Anwesenden: "Ein, wahres Unglück hat sie just heute zur Stadt geführt!" – "Was gibt's denn hier?" erkundigte sich Dagobert bei einem Kerl, der, Langes und Breites erzählend, unter einem Haufen von Handwerksgenossen stand, deren rotgelbe Jacken die Zunft der Löher verrieten. – "Des Juden Keller ist durchsucht worden;" erläuterte der Geselle: "ich selbst war unten. Das getödtete Kind hat man zwar nicht gefunden – die Buben haben's in den Main geworfen, – aber viel andres Zeug, das wohl bewährt, welch ein Handwerk die Schelmen von Juden im Stillen getrieben haben."
"Was denn" fragten die neugierigen Zuhörer. – "Kleidungsstücke mit Blut befleckt," fuhr der Erzähler fort: "Lumpen sowohl als Staatsgewänder, einige Kostbarkeiten, – lauter gestohlnes Gut, und endlich eine Kette mit blutroten Steinen, kenntlich für den Eigentümer durch die Steine selbst und die Arbeit des Silberschmids. Der Schmuck hat auch schon seinen Eigentümer gefunden. Das arme Weib, das dort ohnmächtig liegt und just gelabt wird, hat ihn erkannt." "Erkannt?" rief der haus. – "Jeder von Euch," sprach der Löher weiter, "hat ja wohl einmal von dem schönen Evchen von Berger gehört? Weit und breit war das wunderholde Kind berühmt. Weit und breit wurde Hermann, der junge Metzger aus Friedberg beneidet, da er endlich das schmucke Mädel heimführte. Nun, schaut hin auf das arme Weibsbild, ob man eine Spur der ehemaligen Schönheit auf ihrem Gesicht erkennt; und doch ist sie's. Ihr Mann aber wurde erschlagen, da er mit der Ausstattung seiner jungen Frau nach Friedberg fuhr, und die Halskette mit den blutroten Steinen, ein Erbteil von Evchens Grossmutter hat einen teil der Mitgabe ausgemacht, und sich so eben in dem Keller des verfluchten Juden gefunden." – "Das ist nicht wahr!" donnerte dem Erzähler Dagobert zu, während die Umstehenden sich bekreuzten. Der Kerl gaffte ihn mit offenem Maule an. – "Nu, wenn Ihrs besser wisst, Herr," antwortete er flämisch, "so hättet I h r den wackern Leuten hier das Ding erzählen sollen." Dagobert wollte mit dem Ross auf den Lümmel einsprengen, aber Vollbrecht war diessmal der Besonnenere, und riss den Herrn zurück. "Bedenkt doch die Uebermacht!" flüsterte er dem Heftigen zu, "und lasse uns förder ziehen." – "Nimmermehr!" erwiderte Dagobert: "sehen muss ich, welch ein Ende der verdammte Auftritt nimmt!" – Die Flut des volkes wälzte sich gerade mit aller Macht gegen Ben-David's tür; denn die Gefangenen wurden eben herausgebracht. Der Oberstrichter, erhitzt von Eifer und Zorn ging voraus; ihm folgten Knechte mit Körben und Bündeln, die das Gefundene fortschleppten; hierauf erschien Zodick mit siegreicher Miene, und lange nach ihm die Gebundenen selbst, von Soldknechten umringt. Nachrichter und Gesellen folgten erst weit hintendrein, denn der Oberstrichter hatte dennoch für gut befunden, sie nur als schreckende, nicht dienende Leute mit zu führen. Beim erscheinen der sogenannten Verbrecher entfaltete das Volk wieder all seine Rohheit, denn es schämte sich nicht, aus vollem Halse das Lied anzustimmen, das in der Rumpelwoche in den Kirchen