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der Unschuld ist nicht darunter. Sie ist nicht die stimme des fruchtbaren Baums, den man fällt, – nicht die stimme der Schlange, die man schindet, nicht die eines vom mann erkannten, von einem mann geschiednen Weibes; nicht die stimme des neugebornen Kindes ....!"

"Besinne Dich, Raaf!" unterbrach ihn Ben David sanft: "Ist das Kind nicht das Bild der Unschuld? Halte Dich am Glauben, und lass uns vertrauen." –

Mit vielem Geräusch trat die Wache ein, die ohne Schonung den Greis mit Stricken band, und ihn neben seinem Sohne durch das wilde Volksgedränge hindurch, an die Pforte des Römers führte, wo auf den Stufen der Nachrichter mit seinen Knechten die Ärmsten erwartete, die er im geheiligten rataus selbst nicht abholen durfte.

Fussnoten

1 Bezeichnender Name der Christenheit, gleich Edom, Amalek etc. 2 Der lange Tagfest der Versöhnung. 3 Der, welcher die Beschneidung verrichtet. 4 Opfer.

Viertes Kapitel.

Wo ist das Auge, das schärfer sähe, als das der

Liebe? Wo die Hand, die kräftiger schirmte, als

die des Liebenden? Er hütet sein Kleinod mit

freudigem Mute, und nimmt es auf mit einer

Welt, die ihm widerstrebt!

W.

Dagobert war noch immer nicht einheimisch in seines Vaters haus geworden. Dieter hatte zwar viel von seinem mürrischen Wesen abgelegt, aber seine Freundlichkeit war Novembersonne. Er schien den Sohn eher zu meiden, als zu suchen, und der fröhliche Ostersonntag war vor der tür, ohne dass er seinem Dagobert nur ein einzigmal gesagt hätte, ob es ihn freue, dass ihn der Papst freigesprochen, – ob nicht. Der Sohn blieb daher ungern in dem haus, wo er nur trübe Gesichter sah, denn auch Margarete war von einer unbeugsamen Schwermut befallen. Die zwei Tage, die er bei den Eltern zugebracht, waren ihm schneckenlangsam hingekrochen, und Zerstreuung zu suchen, befahl er seinem Vollbrecht, – der's vorgezogen hatte, bei dem leutseligen Herrn zu verbleiben, – die Pferde zu satteln, und einen Lustritt mit ihm zu machen. Der lange Knecht war's wohl zufrieden, und bald trabten sie im Freien. "Ei, welches ist denn jenes Gebäude dort an der Anhöhe?" fragte Vollbrecht, da sich zu ihrer Linken ein Haus zeigte mit einem Türmlein dessen farbig Ziegeldach lustig leuchtete im Mittagstrahl. Dagobert blickte hin, und hielt sein Ross an. "Sieh doch," sprach er: "das ist der Schellenhof, der meinem Vater zusteht. Eine Meierei, auf welcher ich als Knabe manch heitern Tag verlebt. Es ist schon recht lange her, seit ich das wohnliche Haus zum Letztenmale gesehen, und ich verspüre eine Lust in mir, die alte Crescentia zu begrüssen, die dort als unsre Schaffnerin haust, und manch liebes Mal meinen Gaumen mit einem Becher Milch, oder mit saftigen Kirschen erquickt hat. Da wir eben keinen absonderlichen Zweck vor Augen haben, dächte ich, wir ritten an den Hof hinan." – Gesagt, getan. In kurzer Frist hatten die Pferde den breiten Landweg, der zum Gebäude führte, gemessen, und die Reiter stiegen an der mit Reben umkränzten Pforte ab. Zwei krummbeinige Dachshunde, die im warmen Sonnenscheine auf den Stufen lagen, umkreisten bellend die Pferde, und über die Halbtüre des Hauses lehnte sich ein altes aber freundliches Gesicht, den Ankömmling mit Vergnügen bewillkommend. "Grüss Dich Gott, alte Magd!" sprach Dagobert treuherzig, und reichte ihr die Hand: "Sieh, es freut mich in der Seele, dass ich Dich lebendig und munter antreffe, wie einen rüstigen Wächter. Kennst Du mich denn noch?" – "Ei, wie sollte ich nicht?" antwortete die Frau mit vieler Rührung, und die Pforte weit öffnend: "An meinem alten Körper sind die Augen noch das Beste. Ein Gesicht, wie das Eure vergisst sich auch nicht so leicht. Tretet ein, lieber Junker Dagobert, tretet nur einen Augenblick ein in meine Klause." – Der Jüngling folgte ihr bereitwillig und liess sich's in dem engen Stüblein gefallen, wo Crescentia mit Schürze und Borstwisch Ordnung schaffte, den Tisch rein machte, die Katze vom Ofen, die Lieblingshenne vom Fensterbrett jagte, und einen ledernen Sorgenstuhl herbeischleppte für den lieben Gast. Dagobert sah sich, der Knabenzeit eingedenk, in dem kleinen Gemache um, das ihn heimisch ansprach mit Allem, was darinnen stand und lag. Da waren noch die alten Schränke zu schauen, und der mächtige Tisch mit dem knaufigen Gestell, und die bunte Truhe, und das Himmelbett mit den blau und weiss geflammten Vorhängen, und der Weihkessel an der tür, und das Kruzifix zwischen den Fenstern, und selbst die Dreikönigskreuze über dem Eingang standen wieder da, mit Kreide angemalt, wie vor zeiten. – "Hier war ich glücklich!" sprach Dagobert, all die veralteten Herrlichkeiten musternd: "Glücklicher als jetzt, und jene Glückseligkeit verdankte ich Dir, gute Frau." – "Ei, warum solltet Ihr denn jetzt nicht eben so viel und doppelt so viel Freude haben, denn sonst?" fragte Crescentia, ihm gutmütig auf die Hand klopfend: "Ihr verdient's ja, glücklich zu sein; das sagt mir Euer gesundes und wackres Angesicht, und gewisslich seid Ihr brav geblieben, wie Ihr's wart. 'Ach,' sagte oft mein Seliger: '