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Ihr unserm Heilande zu schmählichem Spott zu tod gemartert habt, ist diesem neuen Christen zu wiederholten Malen im Traume erschienen, und hat ihn aufgefordert bei seiner eignen Seele Heil und Frieden, die Gräueltat offenkundig zu machen, und zu rächen schon, in dieser Welt. Blutdürstiges Schelmenvolk! Deine Bosheit liegt am Tage, und noch in dieser Stunde lasse ich euch Beide in Eures Hauses Keller führen, der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetschirt liegt. Ich will mir ein fest daraus machen, durch eigne Untersuchung des Klägers Angaben zu beglaubigen, und am letzten Tage der Leidenswoche unsres Herrn zwei Mörder und Gotteslästerer zu entlarven, die mit seinem Namen und seinem Erlösungswerke todeswürdigen Spott getrieben."

Die Schelle erklang von Neuem, und Ratsdiener erschienen. "Reisst den alten Bösewicht von der Erde auf;" befahl der Oberstrichter, dessen blinde Hitze im Steigen war: "es ist eitel Lug und Trug mit seiner Hinfälligkeit. Die Wahrheit, die er nicht läugnen kann, hat ihn umgeworfen. Schleift ihn an Stricken mit euch. Den andern Höllenhund werft wieder in seine Fesseln. Der Stöcker soll herbei mit seinen Knechten, und das Gezücht nach der Judengasse bringen, denn keinem ehrlichen mann steht's zu, seine Hand an den Ungeheuern hier zu verunreinigen. Ich folge alsobald."

Der gestrenge Herr warf den Mantel über, winkte dem Schreiber, dem Zodick und der stummen Magd, ihm nachzukommen, und ging aus der kammer. Ben David hatte keine Augen für das tückische Lächeln, mit welchem Zodick an ihm vorüberstrich, sondern lauschte sorgsam auf die Atemzüge seines sich erholenden Vaters, von welchem er sich nicht trennte, obgleich man ihn neben demselben in Ketten schlug.

Einer der Ratsknechte lief, befohlnermassen, nach dem Stöcker und seinem Geleite, der Andre ging vor die tür, um den Wachen und neugierigen Gaffern redselig zu beschreiben, in welcher Wut der Oberstrichter von dannen gegangen, und welche Worte er drohend und zürnend gesprochen. Die Gefangnen blieben einige Augenblicke allein, und Ben David küsste mit Entzücken die hände seines erwachenden Vaters. "Ach!" seufzte dieser ermattet: "so war es kein Traum! O Herr in Israel! wie kannst Du dulden solche Nichtswürdigkeit! I c h bin zu alt, um machen zu können Anspruch auf's Leben, denn ich habe gelebt für zwei Menschen auf der Erde, aber ... Dumein Sohnund Ester, das Enkelchen! Weh mir! was soll das noch werden, wenn Du bestehst darauf, zu schweigen, und nicht zu sagen, wo Du hingeführt den Knaben aus Edom." –

"Ich darf nicht, Vater," versetzte Ben David fest: "ich würde machen unglücklich, die jetzt glücklich sind. Ich habe versprochen, zu schweigen, und will halten, was ich versprochen."

"Und wenn Du hättest geschworen," fiel Jochai eifrig ein: "so gilt der Schwur nichts, da es geht an den Hals. Ich will Dich entbinden Deines Gelübdes, wie ein rechter Lehrer in Israel. Ungültig soll sein der Schwur, den man geleistet an die Männer und Frauen von Amalet. Wir wollen beten das Gebet Col niddre, und Dein Schwur soll Dir erlassen sein."

"Vater;" antwortete Ben David ernst: "Du magst mich entbinden des Eids, doch nicht der Zusage, so ich geleistet als redlicher Mann. Wenig Gewinn würde entstehen aus meinem Bekenntniss; es würde mir kosten den Kopf, und Esterchen Hab und Gut, und Dir Schande bringen und den Bettelstab."

"Weh mir!" jammerte der Alte: "In welchen Handel hast Du Dich begeben? unbesonnener Mann; Geld ist gut, doch besser das Leben. So Du aber sterben musst, und Ester verarmen, begehre ich auch nicht länger zu atmen. Denn mehr als tot ist ein Alter von hundert Jahren, das in Kummer und Hunger versiegt." –

"Beruhige Dich, Vater;" versetzte David: "wir werden nicht sterben, Du sollst nicht hungern. Die Leute, die da wissen, dass ich reden könnte, werden schon helfen, ehe es sein wird zu spät. Verlasse Dich darauf!"

"Und wenn sie uns peinigen?" klagte der Greis mit wachsendem Eifer: "Wenn sie uns tödten, schnell wie die Hand des Herrn? Sohn, Sohn! traue nicht auf der Gojim hülfe und Versprechen! traue nicht auf das Wort, es komme aus der Erde, oder falle vom Himmel! Beten wir nicht täglich: Herr, bau Zion wieder, die Gottesstadt und ihren Tempel? Lass ihn geboren werden und kommen den Messias, den man nennen wird gleich Dir, den Sohn Davids? Und noch ist Zion nicht gebaut, und noch der Messias nicht gekommen; und also werden wir von bannen genommen sein, ehe hülfe kommt und Rat; als Opfer Deines unseligen Handels, und Deines Eigensinns."

"Verzagst Du denn so ganz an der hülfe des hochgelobten Gottes?" fragte Ben David, den Alten, der zwischen Wahn, Glaube und Unglaube ängstlich schwankte, wehmütig bei der Hand ergreifend: "Vertraust Du denn nicht auf unsre Unschuld selbst, deren stimme endliche uns frei sprechen wird von dem teuflischen Lügengewebe?"

"Ach," seufzte der Alte, zweifelnd und befangen: "fünf Stimmen gibt's, die nicht hörbar von einem Ende der Welt zum andern gehen; aber die stimme