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Ester, seine Tochter, und Jochai war der einzige, dem in der Geschwätzigkeit seines Alters die Kunde entschlüpfte gegen mich, es befinde sich im haus ein Knabe, den der Herr geführt habe, man wisse nicht von wannen, und bringen wolle, man wisse nicht, wohin. Von dem Schmerz meiner Wunde geplagt, achtete ich auch nicht auf des Alten Geplauder. Da aber nach dem Habdalah mein Leib wundersam schnell wieder genesete, und ich am folgenden Tage bloss um zu ruhen, zu Bette lag in meiner einsamen kammer, da trat dieser Greis Jochai, als es schon wieder zu dämmern begann, zu mir, und sprach: "Steh auf, Zodick, so Du ein guter Knecht meines Sohns bist, und Deines Leibes Schmerzen er vertragen, und folge mir eiligst mit Schaufel und Haue." – "Sogleich, Raaf," antwortete ich dem Alten gehorsam, denn zu der Zeit ehrte ich ihn, wie alle Juden zu tun pflegen, da er das Gesetz kennt und auslegt. Ich stand auch alsobald auf, nahm nach seinem Willen Schaufel und Haue, und folgte ihm, der trotz seinen blöden Augen rüstig voranschritt über die dunkeln Stiegen zu dem Keller; in dessen Gewölbe, das unter dem Hinterhause fortläuft, und durch einen Verschlag geschieden ist, von dem Vordern, wo man Holz und Wintergemüse aufbewahrt, rastete der Alte, und befahl mir, Feuer anzuschlagen und die Leuchte anzuzünden, die er unter seinem Rocke hervorzog. Dieses geschah. Run setzte sich der Alte auf einen Stein, und sprach: "jetzt, mein guter Knecht, nimm die Werkzeuge zur Hand, und haue hier vor meinen Füssen eine Grube von andertalb Schritten in der Länge, und von der Breite eines Ellbogenmaasses." Ich zögerte nicht, mich an die Arbeit zu machen, in der Meinung, man wollte hier Kostbarkeiten vergraben, wie die Juden gar oft zu tun pflegen, denn sie hegen Verdacht gegen Alles, was sie umgibt, und besitzen gar häufig Dinge, die nicht kommen dürfen sobald an den Tag. Da mir nun aber Jochai ferner gebot, die Tiefe von zwei Ellbogenlängen zu nehmen, und säuberlich geräumig zu machen die Grube, ward ich doch stutzig. "Raaf!" sagte ich, kopfschüttelnd: "Ihr müsst viel köstliche Habe zusammenbringen, um dies Loch nur zur Hälfte auszufüllen." – Er hiess mich jedoch einen fürwitzigen Mancher, und befahl mir, zu fördern die Arbeit. Ich tat es nun auch, und während dessen begann der Alte eitel verdächtige und seltsame Reden, und fragte mich, ob ich etwas verstände von Zauberei und geheimen Mitteln. "Gott soll hüten!" versetzte ich hierauf, und fluchte den Zauberern. Der Raaf sah mich, schnell an, und sprach: "Verflucht seien die Schedim, aber heilig die Zauberer, die den Schemhamphorat verstehen, und damit die Sprache der Tiere, der Teufel und die Kenntniss der Mittel, die gross machen Israel in Edom. 'Hast Du nie davon gehört,' fuhr er fort, 'dass eines unmündigen, vom Berge Seir1 stammenden Knaben Herz, in der Nacht des Amalekitischen Sabbats von gesegneten Händen ausgerissen, zu Staub verbrannt, und am Abend des Festes Haman in geheiligtem Weine genossen, Glück, bringt und grossen Reichtum?' Ich schaute dem Raaf bestürzt in's Gesicht, und habe nicht erwiedert ein Wort. Nachdem ich aber die Grube vollendet, und den Grund geschaufelt auf einen Haufen, musste ich noch verstopfen mit Stroh und Holz die Luftlöcher des Gewölbes, und wurde von dem Alten angewiesen, mich zu begeben hinauf, und dem Herrn zu sagen; es sei geschehen im Namen des Propheten Elias." – So wie ich nun aber an des Kellers tür gelange, kommen mir Schritte entgegen, und herab steigt bereits der Herr, und trägt auf der Schulter einen Knaben, in Schlummer versunken. Er stutzte sehr, da er mein wurde ansichtig, und der Raaf sprach zu ihm wie im Zorne: "Warum kommst Du geschlurft zur Unzeit? Der Knecht sollte Dir erst sagen, war's beschlossen ...." – "Ben David stotterte ein Paar unverständliche Worte, und hiess mich gehen von bannen mit der Lampe, so er mit sich gebracht; und mich legen zu Bette, ohne zu verweilen. Ich ging, und hinter mir schlossen sie die tür zu mit allen Riegeln. Da ich nun aber die Stiege emporging, liess mir's nicht Rast und nicht Ruh, und ich musste sehen, was da unten vorging, und hätte ich fürchten sollen, zu werden blind, wie Einer, der die Scheching, das heisst, die Herrlichkeit Gottes anschaut, wenn sie gerade auf den Fingernspitzen des Cohen's sitzt, welcher segnet. Ich zog daher aus die Schuhe, und blies aus die Lampe, und tappte in finstrer Nacht in das Höflein, und sah hinunter in den Keller durch eine Ritze, die ich mit Vorbedacht gelassen hatte in einer der Fensterverkleidungen. Ich muss geworden sein kalt wie Eis, da ich gewahrte, was vorging im Gewölbe. Ben David hatte den Knaben entkleidet, und die Kälte den Armen geweckt. Zu dem leise Wimmernden trat der Raaf, und fragte ihn, wie die Juden zu fragen pflegen am Feste Jom Kippur2, das da fällt im mond Tisri: Jüngelchen, über welches der Mohel3 nicht gekommen. Willst Du sein mein Kappora?4 – Das Büblein machte