und ihm unser bischen Armut immer offen gehalten." Wir finden keine Schuld an uns, und sollten unsre Brüder gefrevelt haben, so kümmerts doch uns nicht, denn der heilige Gott, spricht: "Indem Einzelnen soll getan werden nach seinen Werken." – "Spricht Euer Götze so?" erwiderte der Oberstrichter mit hartem Hohne: "Wohlan, so sei es auch also. Es ist hier nicht die Rede von Euern Ketzerbrüdern; von Euch selbst, verworfnes Gelichter; und da ihr nicht gestehen wollt, was Ihr begangen, so will ich's Euch beweisen lassen, von unverwerflichen Zeugen." –
Er zog die Glocke, und flüsterte dem eintretenden Diener ein Wort in's Ohr. Kurze Weile nachdem sich dieser wieder entfernt hatte, schlich Ben David's Sabbatmagd, die stumme Grete, herein; mit gefalteten Händen, in welchen der Rosenkranz hing; mit tränenden Augen und blassem Angesichte. Sie verneigte sich demütig vor dem Richter und dem Bilde des Erlösers, das über dessen stuhl hing, und schlug, seitwärts auf die Beklagten blickend, ein verstohlnes Kreuz. – "Die Schwörfinger in die Höhe!" gebot der Richter: "Du schwörst vor der heiligen Dreifaltigkeit und bei dem Gedächtniss an unsers Heilands bittres Leiden die Wahrheit, sofern sie Dir bewusst, zu bekennen durch unverdächtige Zeichen? Nicke mit dem kopf!" – Die Alte tat, wie man ihr hiess, und zitterte vor andächtiger Furcht an allen Gliedern. – Nachdem sie der Oberstrichter über ihren Namen, Gewerb und die Zeit, während welcher sie bei den Beklagten in Diensten gestanden, befragt, ging er zur weitern Untersuchung über, und auf seine dringenden Ermahnungen gestand nach und nach das arme Weib, so deutlich es nur aus seiner Zeichensprache anging, dass vor einiger Zeit Ben David einen Christenknaben in sein Haus gebracht, von einer fernen Wanderung zurückkommend; dass sie selbst den Knaben zwei Nächte hindurch in ihrer kammer beherbergt; dass er aber in der dritten verschwunden, und nicht mehr zum Vorschein gekommen sei. – "Hast Du nicht wahrgenommen," fuhr der Oberstrichter in seinem Verhör fort, "ob nicht Einer von diesen anwesenden Juden gegen den Knaben einen besonderen Widerwillen und Hass bezeigt?" – Grete nickte nach einigem Nachsinnen mit dem haupt, und deutete auf den Greis Jochai. – "Nun denn, ihr schändliches Gesindel," fuhr der Richter die Juden an: "Gesteht Ihr bis hieher ein, was die Alte angedeutet?"
"Ben David läugnete frisch weg die ganze Sache, und Jochai, der es erwartet hatte, wie sein Sohn sich benehmen würde, stimmte, ohne zu zögern, in das Läugnen ein. Der Oberstrichter wurde braunrot im gesicht, zog zum Zweitenmale die Glocke, und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchatmeten Stille trat, keck wie die sichre Wahrheit selbst, Zodick in die kammer, achtete nicht des Schrecks, mit welchem Jochai und Ben David bei seinem Anblick zusammenfuhren, sondern näherte sich furchtlos dem Richter, dessen Gewand er untertänig berührte, und vor dessen Gerichtstafel er sich mit erhobener Hand stellte, die frechen Augen auf das Kruzifix und den Verhörenden gerichtet, wie einer, der schon oft dabei gewesen. Die Geberde, die er machte, kam jedoch den Juden so unerwartet und so grässlich vor, dass Jochai, seinen Unmut vergessend, dem Menschen mit ängstlicher stimme zurief: Zodick! ach Zodick! ist es denn wahr, was von Dir gesagt haben unsre Leute? Hast Du abgeschworen den einzigen Gott, um zu opfern dem fremden?" – "Zodick, was tust Du?" setzte der von Nichts wissende Ben David überrascht hinzu. Der Oberstrichter rief aber dazwischen: "Schweigt, ihr Hundsjuden, sonst lasse ich euch stäupen zum Lohne für eure verfluchte Schwatzhaftigkeit. Lass Dich's nicht kümmern, Friedrich, setzte er gemässigter bei, und schwöre vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen, und bei dem kostbaren Blute unsers gekreuzigten Erlösers, den Du hast erkennen gelernt durch der heiligen Mutter Fürbitte und ihres barmherzigen Sohns unendliche Gnade, die Wahrheit zu sprechen, sonder Furcht und Mitleid." – "Ich schwöre," entgegnete Zodick kurz und fest, und nachdem er auf Befehl des Oberstrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Brust geschlagen hatte, – wobei Ben David unruhig den Kopf schüttelte, und Jochai mit geschlossnen Augen der jüdischen schulen Bannformel zwischen den Zähnen murmelte, – begann er ein zeugnis, oder besser, eine Klage abzulegen, während welcher die Stille des Grauens also eintrat mit ihren Schauern in das unheimliche Verhörgemach, dass auch keine Sylbe aus des Klägers mund einem der Anwesenden entging. –
"Es sind fünf Monden etwa verflossen," sprach Zodick, – "und es war so gegen das Ende des Monds Monchesran, da die Juden, wie mich dünkt, den letzten Shabbat des Monds feierten, als Ben David, der hier steht in billiger Haft, – mein damaliger Herr, dieweil ich noch bin gewandelt im Finstern, – heimkehrend von einem gang über Feld, wie er öfters zu tun pflegt, des Handels wegen, – ein Kind mit sich brachte, einen Knaben, und von christlicher Geburt." Am Abend des eingehenden, so wie am Abend des ausgehenden Festes sah ich den Knaben nicht, denn ich lag darnieder an einer Wunde, die mir böse Menschen geschlagen hatten. Ben David sagte mir mit keinem Worte von dem kind, und nicht