konnten sie indessen nicht steuern, und beladen mit Drohungen und Flüchen aller Art erreichten die Gefangenen die Höhe der Treppe; hier begegnete ihnen ein bekanntes Gesicht. Der Judenarzt Joseph war's, der gerade von einem, während der Sitzung unpässlich gewordnen Ratsgliede kam. Kaum hatte er jedoch der Unglücklichen gewahrt, so wendete er scheu und verdriesslich den Kopf hinweg, übersah den Gruss Ben David's und schob sich, so schnell es seine Wohlbeleibteit verstattete, die Stiege hinunter, tobend und scheltend gegen den Pöbel, der dem, wenn gleich vornehmern und höher gehaltnen Juden den giftigsten Spott nicht schenkte. Erst nachdem sich die tür der Kanzlei des peinlichen Gerichts hinter Ben David und seinem Vater geschlossen, waren sie dem schadenfrohen Getümmel entronnen, und nur die Zielscheibe der unziemlichen Scherze, welche sich Schreiber und Diener gegen sie erlaubten, bis sie auf das Zeichen einer Glocke in die Verhörkammer gebracht wurden, woselbst der Oberstrichter, umgeben von dem düstern Gepränge des Blutgerichts, ihrer harrte, sammt dem vereideten Geheimschreiber. – Nachdem der gestrenge Herr die Kettenbelasteten eine Weile mit finstern Augen gemessen, befahl er dem anwesenden Ratsknecht, ihnen die Bande abzunehmen, und sich zurückzuziehen. – Sobald dem Befehle gehorcht worden war, lehnte sich der Richter in den breiten Sessel zurück, winkte dem Schreiber, die Feder zur Hand zu nehmen, und wendete sich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden. Auf die Frage nach Namen und Stand erwiderte der hundertjährige Greis: "Gewaltiger Herr! Ich nenne mich David Ben Jochai; mein Sohn, Jochai Ben David, was so viel heisst, als: Sohn des David. Unsre Leute haben sich aber gewöhnt, uns zu nennen, der Kürze halber, mich Jochai; meinen Sohn Ben David. Wir sind von jeher gewesen arme aber fleissige Leute im Handel und Wandel, Trödel und Schacher, und ehrliche Darleiher in guter Münze gegen billige Zinsen. Ich habe zurückgelegt das hundertste Jahr mit der hülfe des barmherzigen Gottes, welcher zählt die Haare und die Tage des Menschen; mein Sohn ist gewesen funfzig Jahre, wenn mich nicht trügt mein altes Gedächtniss. Der Herr in Israel hat uns auch gesegnet in der Fremde, bis wir sind gekommen in so viel Leid und Trübsal, als wir hier vor Euch stehen. Man hat uns gebunden mit Ketten; man hat uns geworfen in fürchterliche Löcher, wo wir müssen waten bis an den Knöchel im wasser, wo unser Angesicht bleich wird und unser Auge blöde; und noch hat man uns nicht gesagt, wessen wir beschuldigt sind, und unser Herz ist doch rein wie das Ei, wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der Schale geht." – "Schweig!" unterbrach ihn der Oberstrichter streng: "Deine Zunge rührt sich ungemessen zur unrechten Zeit. Die Ursache Eurer Haft sollt Ihr heute noch erfahren, ihr Ketzer, wenn ihr nicht vorziehen solltet, Euer Verbrechen reuig zu bekennen." – "Wie können wir doch bekennen, was wir nicht wissen?" fragte Ben David mit ängstlichen Geberden: "Wir wissen uns rein, und können auf die Tora, auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht, beschwören, dass wir unschuldig sind an jedem Fehl. Der hochgelobte Fürst und Herr in Israel wird's uns sogar nicht anrechnen, dass wir jetzt den Sabbat enteiligen durch zeugnis und Verantwortung vor Gericht; denn Not kennt kein Gebot." – "Stille!" rief der Oberstrichter ihnen auf's Neue zu: "Wer wird sich darum bekümmern? Macht ihr's mit eurem Götzen aus. Wir wissen nichts von Eurem Baalsdienste. Eine Frage an Euch insgesammt, Vater und Sohn. Was ist aus dem Christenkinde geworden, das Einer von Euch vor fünf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengasse geschleppt hat?" – Jochai, besonders aber Ben David stutzte heftig. – "Nun?" fuhr der Richter barsch fort: "Wird's bald mit der Antwort? Wahrheit oder Lüge! Wo kam das Kind hin?" – "Ich weiss doch von keinem kind," antwortete Ben David schnell, ehe der zweifelnde Jochai durch ein schwankendes Wort das Gegenteil verraten konnte. Der Greis, in dessen Augen schon Ängstlichkeit sichtbar geworden war, zögerte indessen nicht, wörtlich die Aussage des Sohns zu wiederholen. "Ihr wisst also nichts?" fragte der Richter bitter lächelnd weiter: "Ihr habt wohl noch nie ein Christenkind in Eurem haus gesehen?" – "Als uns Gott soll helfen," erwiderte Ben David ausweichend: "Wir wissen nicht, von welchem kind Ihr sprecht." – "Mein Alter macht vergesslich;" fügte Jochai bei, welcher nicht bejahen, doch auch nicht ganz verneinen wollte: "Ich wüsste mich nicht zu besinnen, ob jemals ...." – " Ihr läugnet?" sprach der Oberstrichter drohend: "Desto strenger wird das Urteil fallen." – "Gott soll uns helfen, und sich Israels erbarmen!" klagten Vater und Sohn: "Wir sind unschuldig, man mag uns zeihen, wessen man begehrt. Wir haben stets gezahlt als redliche Leute unsre Abgaben, den Opferpfenning, die Kronsteuer, des Kaisers Hof- und Kesselgeld. Wir haben richtig eingeliefert Pfänder und Briefe von Herren und edlen, als der König Wenzel es befohlen. Wir haben nicht beschnitten das Geld, noch böse gemünzt. Wir haben nicht betrogen, nicht geschunden; wir haben vom ehrsamen Rat nur geringe Zinsen genommen,