auf den Punkt vorbereitet werden, die Ostertage hindurch ohne Gefahr und Nachteil ruhen zu können. Die Kanzelleien waren angefüllt von fleissigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in die Feder sagenden Ratsherren; die Vorgemächer wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien, unter welchen wie geschmeidige Aale Fürsprecher und Momparne hin und her schlüpften, bald zu gütlichem Vergleich beredend, bald zu ernstem Streit vor dem Richter anhetzend. Gläubiger mit ihren Schuldnern, Treuenhänder mit ihren Mündeln, Tabellionen mit Kauflustigen gingen Türen aus, Türen ein, und ein schwirrendes Getöse erfüllte das weite stattliche Gebäude, die Säle ausgenommen, wo hinter schweren Flügelpforten die viermeister und Rat im weiten Kreise versammelt sassen, des Regiments zu pflegen. Wichtig tuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbündeln beladen, die Treppen auf und ab; mürrische Ratsdiener schreckten durch die Gänge. Altbürger, im Bewusstsein ihres städtischen Ansehens, und Gewichts, stiegen gravitätisch umher, und massen mit finsterm Blicke die zahlreichen Edelleute vom platten land, die, um Händel und Späne mit der Stadt beizulegen, herbeigekommen waren, um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der Rechtspflege der reichsfreien Bürger zu beugen. Nebst all diesen, mehr oder weniger im Heiligtume der Gerechtigkeit beschäftigten Leuten, drehte sich noch in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl müssiger Gesellen, die heute schon die Osterzeit begonnen hatten, um allentalben ihr neugierig und faul Angesicht zur Schau zu tragen, – und eine Menge Gesindels, das, keinem zünftigen Gewerbe zugetan, sein elend Stücklein täglichen Brods täglich aus der blauen Luft holt, wie eine Lerche auf gut Glück den Acker bestreift und mit leichter Mühe aus der Furche den Waizen holt, der im grund nicht für sie bestimmt ist, und von welchem sie noch nicht wusste in verwichner Nacht. Die Einen dieses Gelichters hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker vom land, die Andern zeigten den Fremden die Eingänge zu den verschiednen Kanzleien; die Trägsten endlich bettelten geradezu die Vorübergehenden an, oder bildeten, an Mauer und Treppengeländer gelehnt, eine Strasse von Gaffern, durch welche Alles hindurch musste, um gehörig bewitzelt und beräuchert zu werden. Für diesesmal hatte jedoch der Mund dieser Faultiere Feiertag, wie ihre beständig ruhenden hände, und eines unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die Gasse, wie Menschen, die auf etwas Ausserordentliches gespannt sind. Es war nämlich durch einen nicht allzuverschwiegnen Diener des peinlichen Stuhls ruchtbar geworden, dass heute der hundertjährige Jude und sein Sohn vor dem Oberstrichter im stillen Verhöre erscheinen würden. Dem Gesindel war es schon ein fest, diejenigen von Angesicht zu sehen, gegen welche schon der Name ihres volkes den allgemeinen Hohn, die grässlichste Erbitterung rege machte. Seit Wochen bereits lagen die Juden im Turm, und noch war die Art und Gattung ihres Frevels nicht laut geworden unter dem volk. Ursache genug, die grausame Neugier zu verdoppeln, und den Wunsch zu erhöhen, bald ein blutiges Urteil aussprechen zu hören, vollstrecken zu sehen. Denn; todeswürdig, – so vernünftelte das Volk – todeswürdig müsste ihr Vergehen sein, und unmenschlich die Strafe. – Mit Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen schon diesen ersten sauern Weg durch Verwünschungen und Schmähungen noch schrecklicher zu machen. Plötzlich lief ein Gemurmel durch die Reihen. "Seht ihr den Rotkopf..?" flüsterten sie unter einander: "Kennt ihr den Juden, der sich taufen liess? Dort schleicht er die Treppe hinan. Was will d e r hier?" – Scheuen Blicks schritt Zodick durch das murmelnde Volk, grüsste hier demütig einen ihm begegnenden Vornehmen, der vor ihm ausspuckte; warf dort einem bösen Schuldner, der ihm auswich, einen drohenden Wink zu; zog vor dem Kruzifix der Vorhalle andächtig kriechend den Hut, und berührte darauf furchtsam die Zizis, die er streng verborgen unter seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der blossen Brust trug, um den hochgelobten Gott der Sünde wegen, dass er den Sabbat enteiligen müsse, um Vergebung zu bitten. –
Er verlor sich in den schwach erhellten gang, der zu der tür der peinlichen kammer führte. Während dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Säulengewölben harrenden Pöbel. Von starker Wache geleitet, schleppten sich in schwerer, schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens über die Stufen des Gebäudes: Der Greis Jochai und sein Sohn. Das Elend einer kurzen, aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt; aber dennoch waren jetzt ihre todtenfahlen Wangen gerötet, ihre im Moderduft des Kerkers erloschnen Augen in flackernde Flämmchen verkehrt, denn vor einigen Augenblicken erst hatten sie sich wiedergesehen, die Nichts mehr von einander wussten. Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden, sich in gleichem Leide als Genossen zu finden, und von halb menschlichen Wächtern begünstigt, des Glücks genossen, sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher. Sie durften zwar kein Wort wechseln, aber ihre Blicke sagten sich genug, hatten auch ihre Augen das Weinen verlernt. – Dieses Paar, in unscheinbare Überreste feiner Gewänder gehüllt, Haar und Bart triefend von Nässe, starrend von Schimmel und Moder, wankenden Fusses einherschreitend, niedergezogen von schleifenden Ketten, dieses Paar des Erbarmens, wurde mit Hohngelächter und Geschrei bewillkommt. Nicht die Leiden der Seele und des Körpers, die in unverkennbaren Zügen auf Ben Davids gesicht verzeichnet waren, – nicht des höchsten Menschenalters rührende Ehrwürdigkeit auf Jochai's Antlitz rührte das unbarmherzige Volk. Die Wächter hatten zu wehren, dass nicht im haus der Gerechtigkeit Frevel an den Gefesselten verübt wurden. Den Schmähworten