, von dannen zu scheiden, ängstlich, noch länger in des Gefährlichen Nähe zu verweilen, – "Ehrsame Frau. Könnt Ihr mir nicht erklären, wie es eigentlich um den Vater stehe? Welch unheimlich Geberden, welche grollende Verschlossenheit hat er angenommen?" – "Sein Unfall ..." antwortete Margarete stockend: " ... seine Wunde, die noch nicht geschlossen, ...." – "Ach, wehe uns;" seufzte Dagobert: "wehe uns, wenn jener meuchlerische Bube tödtlich den Fleck verletzte, wo die Liebe für den treuen Sohn sitzt. Täuscht mich nicht, gute Stiefmutter. Ich will nicht glauben, dass I h r mich so gänzlich hinterrücks aus dem feld geschlagen. Ich habe Euch ja nie Leides getan, und liebe Euern Sohn, als ob ihn meine eigne Mutter geboren; aber, Wallrade .....?" – Margarete nickte heftig mit dem kopf, und Dagobert fuhr fort: "Gelt? ich hab's getroffen? O die verläumderische Heuchlerin! Doch will ich nicht verzweifeln. Den Vater will ich zwingen, seine Gunst mir wieder zuzuwenden, und Ihr, mein zweites Mütterlein, sprecht ein gutes Wort für mich. Ich bin ein ehrlicher Geselle; verlasst Euch darauf, und redet mir zur Minne." – Bittend hatte er ihre beiden hände ergriffen, die sie, erschrocken über die heftige Bewegung ihres Gemüts, schnell aus den seinigen zog, obgleich ihre Augen mit einem sanften Ausdruck auf dem Stiefsohne ruhten. – "Misstraut mir nicht;" sprach sie langsam: "ich hoffe, es wird sich Alles geben. Mein Herr wird nicht in seinem Irrtum beharren. Vor meinen Augen seid Ihr rein, – rein, wie dieser!" – Sie deutete auf das Bild des heiligen Georg, und verliess eilig mit dem Knaben die stube. Dagobert konnte sich lange nicht von dem nie gehofften Eindruck erholen, den der Empfang im Elternhause auf ihn gemacht. Wehmütig sinnend sass er da, den Kopf in beide hände gestützt, wischte sich dann eine Träne, wie nur gekränkte Treue sie weint, aus dem Auge, und richtete seine Blicke auf St. Georgii Bild. "Die gute Stiefmutter!" sprach er halb lächelnd zu sich selbst: "Wenn sie recht hätte, und ich ein Gotteskämpfer wäre, wie der heilige Reitersmann dort oben. Den Teufel wollte ich mich um alle Wallraden und Prälaten des heiligen römischen Reichs scheeren, wären sie auch alle meine Schwestern und Vettern. Der Verläumdung stiesse ich die Rennstange wohlgemut zwischen die Zähne, bis sie verendete, und beim Vater müsste der liebe Herrgott ein Wort der Sühne einlegen, kräftiger als das Fürwort aus Frau Margaretens mund, obschon dieser Mund allerliebst ist, und vielleicht nur von einem Einzigen in ganz Teutschland übertroffen wird."
Er schritt durch das Gemach, und blieb alsdann mit verschränkten Armen vor dem Bilde stehen. – "Ein schmuckes Gemälde!" begann er, sein Herz durch Zerstreuung von schwerer sorge abzulenken: "hab's noch niemals in Vaters haus gesehen. Hu! wie der Schimmel springt und steigt! Wie des Reiters braune Locken im Winde flattern! wie stolz und stattlich er im Sattel sitzt! Ja! solch ein Mann zu sein .... das wäre eine Lust! Die Dirne möchte ich sehen, die mir dann spröde widerstünde! – Närrischer Schalk!" unterbrach er sich, lachend: "als ob mir's darum zu tun wäre! Wie sang der arme Barfüsser, der draussen im Haus der Aussätzigen verkümmert, während aus seinem fruchtbaren kopf unzählige Lieder der Minne und Geselligkeit entspringen, und in ganz Teutschland nach gefälligen Weisen gesungen werden? 'E i n Fischlein mir gar wohl gefällt, doch darf ich sein nicht kosten! Drum sei der Fischzug eingestellt ... Die Angel mag nun rosten!' Das ist auch mein Bescheid, und kalt, wie ein rechter Frosch will ich sein, trotz dem wackern Kämpfer Georg, dessen anmutig Gesicht ich schon irgendwo gesehen haben mag, so bekannt spricht mich's an. Und, wenn mir recht ist, so ist's gar mein Brüderlein Johann, das dem Heiligen gleicht. Wahrlich, wahrlich! Ein feiner Sprössling, der Bube; und eben dessen Züge waren mir beim ersten Zusammentreffen so wenig fremd, dass ich darauf hätte schwören mögen, ich hätte ihn vor Kurzem erst, zu Costnitz oder irgendwo, gesehen. Es mag aber leichtlich nur ein Traumbild gewesen sein; denn mein guter Predigermönch sagte gar vielmal, dass es Beispiele gegeben, wie gewisse Menschen andere im Traume gesehen, die sie nachher auf dem, Lebenswege angetroffen, und lieb gewinnen müssen. – Ach! auch Ester war ein Bild meiner frühsten Träume; nicht selten ist sie eine Erscheinung meiner jetzigen; und zu verwundern ist's, wie einem frommen Christen von einer halben Heidin träumen, ... wie diese an des Rechtgläubigen Herz wachsen darf, während sie doch nimmer in seine arme wachsen darf!"
Fussnoten
1 Versammlungshaus und Trinkstube der edelsten Geschlechter von Frankfurt.
Drittes Kapitel.
Was ist schärfer, denn ein Pfeil?
was giftiger als Schlangengeifer? –
Die Zunge des Bösen, der den
Feind will verderben.
Persisches Gleichniss.
Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem Römer. Die Osterfeiertage waren vor der tür, und alle Geschäfte des Rats, wie des Gerichts mussten bis