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des Wiedersehens konnte nur auf dürftige Augenblicke den unseligen Wahn von Dieters Bette scheuchen. Ohne Säumen kehrte er wieder zurück. Dem unbefangnen Jüngling sogar konnte die Veränderung nicht entgehen, die sich mit seinem Vater zugetragen, allein er schrieb auf Rechnung des Siechtums, was auf Rechnung eines verblendeten Gemüts kam. Aufrichtig und stürmisch, wie er war, konnte er seine Gedanken nicht lange bei sich behalten. "Sagt mir doch, herzlieber Vater," sprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge, welcher man so selten widersteht: "Sagt mir doch, ob es nur eine Einbildung ist, oder Wahrheit, dass ich Kälte und eine gewisse Fremdheit in Euerm Empfang wahrnehme; und wenn es wahr sein sollte, ob das noch von Eurer Krankheit stammt, ob nicht. Sprecht aufrichtig vom Herzen weg, damit es alsdann wieder zwischen uns werde, wie vormals." –

Dieter blickte prüfend in des Jünglings redlich Gesicht, aber die Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen. Den Scheingrund schob er ohne langes Überlegen vor. "Wie kommt es," – fragte er beinahe hart, – "dass mir jetzt erst Dich zu sehen erlaubt ist, während Du bereits seit einigen Tagen hier verweilst?" "Ich Vater?" fragte Dagobert betreten, und hätte gerne verneint, unbefangen verneint. Dieter ging aber ohne Zögern auf den Grund, und drängte mit neuer strengerer Frage, so dass am Ende der Jüngling den besten teil erwählte. "So mögt Ihr's denn wissen;" sprach er: "ich verstehe mich schlecht aufs Lügen, besonders wenn Ihr mir in's Auge seht, denn vor dem mann, den ich am meisten ehre und liebe, habe ich kein Falsch. Es sei also darum. Wahr ist's; seit vorgestern Mittag bin ich hier, und habe mich sorgfältig von Euerm haus fern gehalten, weilIhr mögt mir darob nicht zürnenweil Schwester Wallrade darinnen ein- und ausging. heute sah ich sie jedoch mit Ross und bepacktem Wagen von dannen ziehen, und säumte länger nicht, hier einzusprechen. Gott gesegne Euch die Ostertage. Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier, und will sie mir schmecken lassen, so der Himmel will, und Ihr mich gerne an Euerm Tische seht." – "Du bringst nicht die Eintracht zu dem Feste;" antwortete Dieter mürrisch: "der Bruder flieht den Ort, wo seine Schwester haust?" – "Ihr wisst ja, Vater, dass wir's von jeher also hielten;" entgegnete Dagobert mit leichtem Scherz: "Was Hänschen jung gewohnt, das tut es auch im Alter. Doch, weil ich eben seinen Namen nenne, – was macht mein Brüderlein? Ihr sollt sehen, ob wir nicht besser zusammenhalten, als ich mit Wallraden." – "Wirklich?" spöttelte Dieter: "Man sollte es kaum glauben. Ein Stiefbruder ist gewöhnlich nicht der Geliebtere." – "Hm!" lachte Dagobert: "es hat mit dem Kleinen ein besonder Bewandniss." – Dem Vater stieg eine dunkle Flamme der Beschämung bis unter die Haare. – "Der arme Junge war stets krank," fuhr Dagobert fröhlich fort: "nun ist er aber gesundet, wie ich höre. Seht, schon dieses freut mich ungemein. Doppelt lieb muss ich aber den Burschen haben, weil ...." – "Weil ...?" unterbrach ihn Dieter gespannt und heftig. – "Weil ich komme, um mit dem armen Schelm sein Erbe zu teilen. Seht mich nur verwundert an. So wie Ihr mich vor Euch erblickt, habe ich mich mit der Kirche abgefunden, oder sie vielmehr mit mir. Sie kann mich nicht brauchen, und hat der Mutter Gelübde gelöst, als ob es auf's Beste erfüllt worden wäre." – "Wie?" fragte Dieter: "das ist nicht möglich. Wie solltest Du ...?" – "Wenn Ihr Latein verstündet," fiel hinwiederum Dagobert ein: "so würde Euch dies Pergament genug sagen, um zu glauben, was ich sage. Ich habe aber der Ursachen mehr, zu staunen ob Euerm seltsamen Betragen, Vater. Brachte ich Euch die frohe Mähr ein Jährlein früher, so lagt Ihr voll Entzücken an meinem Halse. Heute geberdet Ihr Euch just, als wär es Euch zuwider, was ich bringe, und doch habt Ihr selbst mehr denn hundertmal mein Geschick beklagt, da es noch unabwendbar schien." – "Wie soll ich mich freuen," brach Dieter los, "wenn ich aus Allem entnehmen muss, dass Dein wüster Lebenswandel allein hier den Ausschlag gegeben. Nicht würdig hat man Dich befunden, das Messgewand zu tragen und zu binden und zu lösen. Ich weiss, was Costnitz und des Conciliums Väter von Dir denken, wie unzähligemal Du Deinen oheim gekränkt, misshandelt, dass er am Ende seine Väterhand von Dir abgezogen." – "Ho!" versetzte Dagobert, sich mit dem Zeigfinger auf die Stirne tippend: "Jetzt weiss ich mit einemmale, woher es blitzt. Wallradchen hat mein Bettlein aufgerüttelt, und mir's sein bequem gemacht im Vaterhause. Recht so; wo sich der Teufel anlehnte, macht sich auch der weisseste Ärmel voll Russ. Was lieb Schwesterlein indessen gesagt haben mag, ... glaubt mir, lieber Vater; es ist erlogen. Was den würdigen oheim betrifft