1827_Spindler_093_125.txt

, in der sein Vater wohnt, und des Vaters Angesicht scheutet! Vielleicht fürchtet er auch nur m e i n e Gegenwart; vielleicht bewegt ihn auch ein wichtigerer Grund, E u e r Auge zu meiden." – "Ich weiss kaum, was Du sprichst," beteuerte Dieter: "Mir wirbelts vor den Sinnen. Dagobert kommt, da Du gehst? – Er tut sehr wohl daran;" lächelte das fräulein: "Ich will auch als ein freundlich Schwesterlein des Bruders Vergnügen nicht hemmen. Lebt wohl, Vater, und wird es euch zu eng in Frankfurt, so kommt auf Baldengrün. Willkommen seid Ihr da, erscheint Ihr allein, ohne Euer zweites Weib." – "Unversöhnliche!" sprach Dieter mit überströmenden Augen, indem er Wallraden wehmütig an sich drückte: "Den K i n d e r n sind doch sonst der Frauen Herzen hold; lass nicht das Brüderlein den Widerwillen teilen, den Du, – ich schwör es, ohne Grund, – gegen die Mutter hegst. Willst du das zarte Büblein nicht küssen zum Lebewohl, so sprich doch nur gegen mich ein Wort der ausgesöhnten Schwesterliebe." – "Schwesterliebe?" fragte Wallrade wie verwundert, während sie sich mit argem Lächeln aus des Vaters Armen wand: "Ihr sprecht doch von dem kleinen Johann? Ich wäre dessen Schwester? Ei, das wolle Gott nicht. Nennt mich lieber seine Muhme, guter Vater." – "Wie soll ich verstehen, was du sprichst?" fragte Dieter erbleichend entgegen. – Wallrade zog jedoch mitleidig die Schultern in die Höhe und verneigte sich ausweichend. "Erlasst doch m i r die Erklärung;" sprach sie höhnisch: "fragt die Stadt, und wenn Ihr auch dieser nicht glaubt, so wendet Euch an den heiligen Georg selbst, der über dem Putztische Eures Weibes hängt. Ein feiner Rittersmann, dessen Ebenbild zu sein, Euerm Sohnedem Johann nämlichkeine Schande bringen wird, so lange Euch selbst die Sache Freude macht. Lebt indessen wohl, und dreimal wohl, mein Vater. Gott mit Euch!"

Einen Kuss der Pflicht fühlte Dieter auf seiner Wange; einen Augenblick hielt ihn die Tochter umschlungen, und schon war die tür hinter ihr in's Schloss gefallen. Lange starrte aber noch der graue gebeugte Vater vor sich hin, wie ein, von jähem Tod Erblasster, und als dann nun wieder Regsamkeit in seine Glieder trat, wandte er den blick; gezwungen fast, zu dem Bilde des Heiligen, das auf ihn herniedersah wie eines Todfeinds verhasstes Antlitz, trug es gleich die Züge des einst zärtlich geliebten Dagoberts. Aber also ist das unglückselige Wesen des Argwohns und der Eifersucht, dass durch e i n Wort, durch e i n e n aufgerüttelten Gedanken das Teuerste ein Gegenstand bittrer Verfolgung werden, Liebe sich in Wut verkehren kann. Und dieser leise Grimm, ein fressend Ungetüm in der Brust des Leichtgläubigen, baut sich fester und fester ein, je angelegentlicher man ihn vertilgen möchte. In gefährlicher Stille wächst der Funke an zur verderblichen Glut, und so kann es geschehen, dass selbst unter dem Eise des Alters ein gährendes Flammenmeer wogt, denn im Mittelpunkt des Lebens stürmt und braust es heiss und kräftig, wenn auch seine grenzen allgemach in Frost erstarren. Mit der festesten Willensgewalt vermochte nur Dieter den bösen Geist zu bändigen; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu öffnen, und ihn dadurch völlig zu überwinden, sondern um ihn zu pflegen, und grösser zu ziehen in Schweigen und Heimlichkeit. Darum überliess er sich selbst dem Fehler, dem er auf die Spur zu kommen trachtete, der Heuchelei. Mit freier Stirn überliess er sich der Umarmung Margaretens, die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte, dass er Wallraden nicht länger in ihrer Nähe aufgehalten; ohne mit einer Miene seinen tiefen Verdacht, seinen heimlichen Groll zu offenbaren, tändelte er mit dem Knaben, den ihm die Ehefrau schmeichelnd in die arme legte. Stundenlang scherzte er mit dem Buben, verwendete er kein Auge von ihm; aber nicht väterliches Wohlgefallen, wie wohl ehedem, bewog ihn dazu, sondern die Begierde, Johanns Züge sich fest einzuprägen; und so oft sein blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem Bilde des heiligen Rittersmannes schweifte, bohrte sich ein neuer Dolch in des Argwöhnischen Gemüt, und je gewisser ihm die Aehnlichkeit wurde, je wüster tobte es in seinem inneren, so freundlich er auch seine Runzeln glättete, so peinlich er auch den Mund zum Lächeln zwang. Die Nacht, die auf diesen Tag quälender Unruhe folgte, war für den von Jahren, Gebreste und Verdacht geschwächten Mann keine Erfreuliche, und, dem Geizhalse zu vergleichen, der auf seiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu träumen pflegt, sah Dieter Dagoberts und des Schulteissen hämisch lächelnde Häupter um sein Lager kreisen. Liebesgirren, und Minnegekose folterte sein Ohr, so tief er den Kopf in die Kissen wühlte, und hundertmal verliess er sein Bette, um an Margaretens Kammertür zu lauschen, ihre Atemzüge zu zählen, und sich zu überzeugen, dass kein kecker Buhle ihre Einsamkeit teile. Den Ermüdeten hatte kaum ein mitleidiger Morgenschlummer überrascht, und schon weckte ihn eine Botschaft, die ihm vor wenig Tagen noch eine freudige gewesen wäre; die Kunde von der Ankunft Dagoberts. Der Sohn nicht ahnend, dass er im Vaterhause fremd geworden, stürzte mit dem jubel ungeheuchelter Liebe an des überraschten Vaters Brust. Ach! die herzlich gemeinte Freude