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diese Erklärung auf, und peinigte, während Wallrade mit erheuchelter Teilnahme sich um seine Gattin beschäftigte, den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer Förmlichkeit, die demselben bald lästig genug fiel, um sich ziemlich verlegen zu entfernen. Die Schlange in des Altbürgers Brust fing wieder an zu nagen, und Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter. Denn als Dieter benagten Herzens, auf wankenden Füssen von der Hauspforte, zu welcher er den Schulteiss geleitet hatte, zurückkehrte nach der Wohnstube, wo eben Margarete, deren Schwäche einem wunderlich gereizten Zustand gewichen war, in einem Strom von Tränen sich ausweinte, winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge, ein Tuch zu lüften, das, den Händen der Altbürgerin entsunken, auf dem Tische lag. Im Vorübergehen tat Dieter nach der Verräterin Begehr, und entüllte die goldne Rose, die der Schulteiss in dem ängstlichen Drängen der letzten Augenblicke vergessen hatte, mit sich zu nehmen. Dieter's bittres lachen schreckte die Weinende auf, und über ihre bleiche Wange fuhr die Glut neuer Beschämung, da sie der unglückseligen Gabe gewahr wurde, die ihr Gatte in der Hand hielt.

Zu Eis wurde sie, obgleich unschuldig, da sie aus seinem mund die Worte hören musste: "Glück zu, tugendsame Hausfrau, Ihr berühmt Euch hoher Gunst. Ihr habt Euch den stattlichsten Freund gewählt, von besserer Geburt obendrein, als Euer Griesgram von Ehewirt; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben, – denn, wo der Gemahl die lästige Kette bietet, opfert der Buhle das lockende Röslein eines goldnen Maien. O, leicht dürfte für ihn der heutige Tag zum Rosensonntag geworden sein! Dem Graukopf gehört Wermut, bis er zur Grube fährt." – "Ihr seid ungerecht, lieber Herr;" erwiderte Margarete, matt und erschöpft: "Diese Rose ist nicht mein. Falsch ist Euer Wahn." – "Falsch?" lachte Dieter grimmig: "So falsch etwa, als Eure Ohnmacht? Am Busen des willkommnen Trösters hat Euch der Sinnentaumel übermannt. Vor Wonne wart ihr ausser Euch. Nichts weiter. Woher sonst dieser Magdalenenblick, woher die sündige Scheu, die noch jetzt Eure Züge peinigt? Zehnfache Schaam möge Euch foltern, da Ihr in dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet." – Stumm, ohne eine Sylbe zu finden, wand die Altbürgerin die hände. Wallrade wollte den Augenblick benützen, um des Knaben, den sie schon eine lange Weile mit glühenden Blicken gemessen hatte, sich zu bemeistern.

"Komm, Kleiner," sagte sie zu ihm, seine Hand ergreifend: "komm, lass uns gehen. Wenn die Eltern hadern, muss der Bube vor der tür stehen!" – Der Knabe wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie, riss seine Hand aus der Ihrigen, und floh mit Lauten der Angst zu Margaretens Knieen. "Lasst mich!" schrie er: "Ich darf nicht mit Dir gehen, ... ich darf nicht mit Dir reden .... Mütterlein hat's verboten!" –

"Hört Ihr, Vater?" fragte Wallrade tückisch: "Hört Ihr, wie Euer Weib den Hass zwischen Geschwister pflanzt?" – Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich von bannen ziehen, aber noch einmal mit verdoppelter Angst verteidigte sich derselbe. "Lass mich!" kreischte er: "Du willst uns arm machen", .... ich soll betteln gehen, .... lass mich ... "Du bist die Schwarze, wenn du schon ein rot Jöplein trägst ...!" –

Wallrade erbleichte plötzlich, und machte eine Geberde, als wollte sie durch einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen; aber er kreischte noch heftiger, und reizte die erschöpfte Margarete auf, dass sie empor sprang, und wie eine zürnende Löwin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte. "Wage esBoshafte!" schrie sie: "Wage es, dies Kind zu der berühren, und das Tageslicht sahest Du zum letztenmale!" – "Weib, was ficht Dich an!" rief Dieter, zwischen die Frauen sich werfend: "Kennst Du Deines Mannes Tochter nicht mehr? Und Du, Wallrade, was deuten die seltsamen Reden des Knaben?" – Diese Frage löste das Zauberband, das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten. "Was werden sie deuten?" sprudelte sie heftig heraus: "was werden sie deuten, diese Reden eines mit Fleiss eingewurzelten Hasses? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel, einen schwarzen bösen Geist geschildert haben, und also sieht mich auch des Knaben verrücktes Hirn!"

"Pfui Wallrade!" erwiderte Dieter mit strengem Vorwurf: "Fast möchte' ich selbst Dich einen unsaubern Geist schelten, da Du Deinen Bruder, meinen geliebten Sohn sinnverwirrt und hirnverrückt schelten magst. Das ist sündlich Zungenspiel, das nimmer aus gutem Herzen kommt. Denn, wie Gott dem Knaben gerade Glieder schenkte, so gab er ihm auch völligen Verstand, und nur ein Hexenweib kann solchen gotteslästerlichen Ausdrucks sich bedienen!" – Wallrade zuckte mitleidig lächelnd die Achseln. Margarete erwiderte jedoch auf Dieters Rede: "Das Kind verteidigt Ihr; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der bösen Zunge einer neidischen Erbschleicherin Preis." "Meines Körpers Schwäche verhinderte mich, Eure ungerechten Beschuldigungen, wie sie's verdienen, zu beantworten. Jetzt habe ich aber meine Stärke, und mein Bewusstsein wiedergefunden, und sage Euch: Unwahr