Worte vor: "Bitte Deine Mutter, Knabe, sie möge mir um Deinetwillen vergeben, und mir nicht ferner zürnen." – Der kleine Hans liess sich gern zur Fürbitte gebrauchen, und seine kindliche Unbefangenheit und Drolligkeit zauberte sogar auf Margaretens Lippen ein leichtes Lächeln. –
"Man soll am Feste der Geburt nicht böse sein, will ein alter Sittenspruch;" sagte sie, dem Schulteiss schnell versöhnt die Hand reichend, die er zärtlich drückte; "Man hat sonst Galle das ganze Jahr hindurch. Ihr müsst mir dafür geloben, nicht wieder so freventlich zu reden, wie es sich zu Euerm Amt und Alter gewisslich nicht ziemt." – Der Schulteiss nickte gehorsam, obgleich verdüstert durch die Erwähnung seines Alters. – "Und als endliche Bedingung meiner völligen Vergebung," setzte Margarete erheiterter hinzu: "verlange ich von Euch die Gewährung einer geringen Bitte." – "Sprecht, Frau Minne!" antwortete ihr der Schulteiss neugierig und lächelnd. – "Es wäre mir beinahe entfallen," fuhr Dieter's Gattin immer unbefangner fort, "dass mir heute das Heil wiederfuhr, zur Fürbitterin in einer Sache aufgefordert zu werden, die gewiss so geringfügig ist, dass sie kaum der Rede lohnt, mit der ich Euer Ohr belästige. Ein arm geschöpf – mit einem Worte, ein schlecht Judendirnlein kam heute weinend und schreiend hergerannt, und flehte mich im Namen des himmels und der Erde an, durch irgend einen guten Freund zu bewirken, dass ihr Vater, – und wenn ich recht hörte, auch ihr Grossvater losgelassen würden, die schon seit einiger Zeit im Kerker schmachten. Die Ursache ihrer Haft, schwört die Dirne, nicht zu wissen; aber ich bilde mir wohl selbst ein, dass der Handel von wenig Belang sein wird. Dergleichen Plackereien sind so häufig, dass Hebräer, um kleinen Vorwands willen, in den Turm wandern müssen, um dann an ihrer Habe gebüsst zu werden. Es ist auch ein schlecht Volk, das solchen Zwang verdient, weit es den Heiland kreuzigte. Ich dächte dennoch, dass bei Ester's Vater eine Ausnahme gar wohl zu machen wäre. Er ist ein eifriger Mann; keiner der unredlichsten, und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe, das ihn in mein Haus geführt. Ich möchte gerne dem Armen loshelfen, wenn es möglich wäre, und da der Zufall .... oder n i c h t der Zufall, es gewollt, dass Ihr, gestrenger Herr, mir Eurer Einkehr Ehre schenktet, so richte ich an Euch die Bitte, beim Oberstrichter ein gewichtig Wort zu reden, dass der Jude bald wieder den Weg aus dem Gefängnisse finde, und nicht zu hart an seinem Gelde gebrandschatzt werde." – "Man könnte das Gezücht beneiden um die Teilnahme, die Eure Purpurlippen für dasselbe aussprechen;" – antwortete der Schulteiss nicht ohne widrige Anregung: "Ich mische mich sonst nie in des Richters Verfahren; indessen, wo Euch, edle Frau, ein Dienst geleistet werden kann, mache ich gerne eine Ausnahme. Wie nennt sich der hebräische Hund?" – "Ben David ist's," erwiderte Margarete: "der reichste .... zum mindesten der angesehnste aus der Judengasse." – Aber schon war des Schulteissen Stirne streng gerunzelt, schon hatten sich seine Augenbraunen dicht zusammengezogen, und finster schüttelte er das Haupt. – "Ist's d e r ?" fragte er mit Härte: "Dann lasst mich aus dem Spiele, edle Frau. Ich rette den Burschen nicht." – "Nicht?" entgegnete Margarete staunend: "Hat denn der Mann so Grässliches begangen?" – "Aus Eurer Frage vernimmt man, dass Euch sein Verbrechen wirklich noch unbekannt;" versetzte der Schulteiss heftig: "welche Mutter könnte gleichgültig dabei bleiben?" – "O erzählt;" verlangte Margarete, mit böser Ahnung kämpfend: "Erzählt ... eine Mutter, sagt Ihr ...?" – "Nu ja doch;" erläuterte der Schulteiss: "könnt Ihr Euch Abscheulicheres denken? Die Hunde haben ein Christenkind, einen Knaben, seiner Mutter gestohlen, oder um schnöden Sold vielleicht ....." –
Margarete hörte nichts weiter, denn, in unbeschreiblicher Angst, den kleinen Johann an sich reissend wie einen gefährdeten Sohn, ... dann ihn wieder von sich stossend, wie einen verhassten Fremdling .... sank sie bewusstlos mit dem haupt vor sich hin auf den Tisch. Entsetzt schrie der kleine Hans auf; der Schulteiss sprang hinzu, um der Ohnmächtigen beizustehen. Die Angst des Liebenden half ihm in dem ungewohnten Geschäfte. Mit wasser benetzte er die Schläfe Margaretens; Küsse drückte er auf ihren bleichen, nicht widerstrebenden Mund, und so geschah es, dass sie bald aus der schweren Bewusstlosigkeit erwachte. Beinahe hätte sie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geschlossen, denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen, und zu der gegenüberliegenden tür traten eben unvermutet und rasch Dieter und Wallrade ein.
Bestürzung und Überraschung lagen auf jedem Angesichte; eine frohe Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens. Dieter nahm eine so ernste Stellung an, dass selbst der Schulteiss, ein gewandter Mann, und Meister seiner Bewegungen, nur nach wiederholten misslungnen Versuchen, den Faden finden konnte, den Grund der befremdenden Lage, in der er überrascht worden, – nämlich Margaretens plötzliche Ohnmacht – anzugeben. Kalt und finster nahm Dieter