ohnehin die Gedanken vergehen lassen."
"Ihr sprecht so zierlich, als ob Ihr bei einem alten Minnesinger in die Lehre gegangen wäret;" meinte Gerhard: "Löblicher ist es aber noch, sich in seine Lage finden. Ihr seid nicht dazu gemacht, für die Liebe zu sterben in der sehnsucht Pein. Schwer ist es allerdings, ein Mägdlein zu vergessen, an das man sich gebunden mit der Herzenskette, so lang man nur s e i n e r gedenkt, und unnötig ihm die Treue aufbewahrt. Aber federleicht wird's, – glaubt es mir – sobald man sich vornimmt, Alle zu lieben, die ein fein Gesicht und ein lieblich Ansehen erhalten haben von dem lieben Gott. Tut ein solches und ihr werdet mich loben."
Dagobert lachte. – "Das ist es ja eben, was ich am meisten fürchte;" rief er: "Der Himmel hat mir ein butterweiches Herz geschenkt, wie es mein Vater hat, der noch im sechzigsten Jahre eine Achtzehnjährige umfing. Ein Paar schöne Augen haben mir's immer angetan, wo die Minne frei walten durfte, und die sorge, meinem Schätzlein nicht die Treue bewahren zu können, die ich ihr im Herzen zugeschworen, quält mich halb zu tod. Doch diese Wolken gehen auch vorüber, wie alle andern, und der Sonnenschein meiner frohen Laune wird nicht ausbleiben. – Sieh diese herrliche Aussicht über die Stadt und den Bodensee! Sieh, wie alles funkelt im winterlichen Mittagsglanz! Wen sollte dieser Anblick nicht froh machen im tiefsten Leid? Horch! die Glocken läuten uns entgegen. Sie könnten nicht feierlicher schallen, wenn Du der Kaiser wärst, und ich an Deiner Seite heranritte, als Hauskaplan!"
Durch solche Scherze suchte Dagobert das unangenehme Gefühl zu ersticken, das sich in seinem inneren bemerkbar gemacht hatte, obgleich ihm nicht recht um's Scherzen war. Gerhard hörte ihm wohlgefällig zu, liess den blick über Stadt, See und Strom gleiten, und übersah es, dass der Weg an einem geringen, aber von Reif und Novembereis geglättetem Abhang hinunter lief. Plötzlich strauchelte sein Pferd, und nur ein kecker Griff Dagoberts in die Zügel des stolpernden Rolands, konnte Gaul und Reiter vom gefährlichen Sturz erlösen. – "Kreuz und Dorn!" fluchte der erschrockne Gerhard, stille haltend: "Das kommt davon, wenn man Euch zuhört, und sich selbst darüber vergisst! Die verdammte Halde mit ihrem Abhang! Es wird besser sein, wenn wir, – da doch die Mittagsglocken läuten – wie andere ehrliche Christen, von den Pferden steigen, das Käpplein unter den Arm nehmen, und unsere Tiere betend weiter führen."
"So sei's, Du wackrer Christ!" entgegnete Dagobert: "Es wird nebenbei nicht schaden, dass wir bei der Hand sind, wenn jener Reitersmann, der da vor uns hinkleppert, sich aus dem Sattel begeben sollte. Sein Gaul tanzt wie Deiner auf der Eisbahn, ... wie Du scheint der Mann in Gedanken versuncken, denn der Zaum hängt schlaff, und wer weiss, wie bald ..."
"Alle Teufel! da haben wir's!" unterbrach Gerhard sein schon begonnenes Gebet, und er und Dagobert setzten sich in Lauf, auf die Gefahr ein Bein oder den Hals zu brechen; denn der besagte Reiter schlug so eben zum Boden nieder, und das Ross wälzte sich auf ihm. Die Helfer in der Not schnirten in der Eile ihre Gäule an einer buch fest mit dem Zügel, und eilten zur Rettung des Gestürzten herbei. Mit vieler Mühe wurde dieser von der Last seines Pferdes befreit, das sich mit der grössten Anstrengung aufrichten liess, und endlich, schauernd von Schreck und Schmerz, aber unverletzt neben seinem Herrn stand. Dieser sass, nach und nach Besinnung und Sprache wieder erlanget, auf der Erde, und starrte die beiden Schutzengel lange an.
"Gelobt sei Jesus Christus!" begann er endlich mit sehr tief und vollklingender stimme, während er sich das linke Bein rieb, auf dem sein Rappe gelegen war: "Das war ein Sturz, wie er mir doch Zeit meines Lebens nicht vorgekommen ist."
"Ihr seid doch ganz und heil, lieber Herr?" fragte Dagobert teilnehmend. – Der Fremde zuckte die Achseln, aber ein zufriedenes Lächeln breitete sich über sein braunes männliches Angesicht, als er nach wiederholter Ausdehnung seiner Gliedmassen verspürte, dass sie unverletzt geblieben. –
"S'ist noch gut genug abgelaufen!" meinte er, und wischte sich den kalten Schweiss von der Stirne. "hebt mich auf, ihr guten Leute; ich werde wohl mit Gottes hülfe allein stehen können." Der Versuch ging ohne Gefährde glücklich vorüber. Der Fremde stand da, seine beiden Notelfer um ein Erkleckliches überragend, und wandte nun die herrischen Augen gegen den Rappen, der noch ängstlicher zitterte, als ob er des Herrn blick schon kenne und dessen Folgen. "Seht da, ihr Herren!" sprach der abgeworfene Reiter: "seht da einen Gaul, der mir schon zehen Jahre dient, und mich auf manchem Ritt zu Ernst und Schimpf getragen, um den man mich gar oftmals beneidet, und den ich Gutfreund getauft, um seines sichern Schrittes und seiner Aufmerksamkeit willen. Ist's nicht eine Schande, dass er mich heute abgeschleudert in seiner faulen Nachlässigkeit? Du böses Pferd – mit unsrer Freundschaft ist's aus: von heute an reite