: "Meine Eltern sind schon lange tot. Zu Bilger's Freunden darf ich nicht, soll nicht das Grässliche an's Tagslicht kommen; des Kaisers hülfe hab' ich ausgeschlagen ...."
"Mit Fug und Recht;" unterbrach sie Wallrade herrisch: "der Kaiser ist ein Meister in der Kunst, schwache Weiber zu betören. Du weisst, auf welche Weise er meine unschuldige Freundschaft fast vergolten hätte. Welch ein Schicksal, als seine Buhlerin angesehen, und in der Folge von dem wankelmütigen Lüstling in's Elend gestossen zu werden! Ich würde es vorziehen, den weissen Stab zur Hand zu nehmen, und von der Mildtätigkeit meiner Nebenmenschen die Fristung meines Lebens zu heischen."
"Das ist auch das einzige, das mir bescheert ist, guter Gott!" seufzte die arme Katarine: "Bilger war nicht reich. Das Wenige, das er vor seiner Flucht gewonnen hatte, und zurückliess, wird bald zerronnen sein, – und dann, wie Gott will! Die Freundin stösst mich von sich .... was darf ich von fremden Menschen hoffen?" – Sie wankte zur tür. Mit dem Ausdruck falschen Mitleids rief sie Wallrade zurück. – "Höre mich;" sprach die Letztere so gleissend, als sie vermochte: "will ich denn Dein Unglück? Zweifelst Du denn an meinem herzlichen Bedauern? Vernimm meinen Rat. Er wird Dich von der Reinheit meiner Gedanken, wie von meiner aufrichtigen sorge für Dein Seelenheil, das Du gewissermassen verwirkt hast durch Deine Verbindung mit dem Sünder, überzeugen. Wahr ist's: der Menschen Satzung spricht ein hart und grausam Urteil über das Verbrechen, dessen Teilnehmerin Du unläugbar gewesen: darum weiche dem Schwert irdischer Gerechtigkeit aus. Wohin könntest Du aber vertrauensvoller fliehen, als unter den Schirm Gottes, der die ewige Barmherzigkeit ist, und den Tod des Sünders nicht will? Wirf Dich in die arme des Erlösers! Vertraue, folge mir, und ich führe Dich an seine Brust, welche ihr kostbares Blut vergossen hat, um uns rein zu waschen von jedem Frevel. Die Oberin des Stifts der weissen Frauen ist mir hold, und würde auf meine Verwendung Dich gerne unter die Zahl der Reuerinnen aufnehmen. Hinter jenen uralten Mauern bist Du sicher. tot ist dort jedes ausserhalb begangene Vergehen; Busse und Versöhnung wohnen in dem Schoosse jener ehrwürdigen Schwesterschaft. Durch Arbeit und Gebet wirst Du die verlorne Zufriedenheit wieder gewinnen, den sündlichen Namen, den Du trägst, vertauschen mit einem neuen gottgefälligen, und die Krone der ewigen Seligkeit erringen!" – Katarine, bleich wie ein Marmorbild, starrte Wallraden unbeweglich an. Die Augen waren ohne Tränen, obschon ein bittrer Schmerz aus ihnen leuchtete. Lange konnte sie kein Wort der Erwiederung finden. Endlich öffnete sich der blasse Mund. "Wallrade!" klagte die Gequälte: "Du forderst mich auf, lebendig in's Grub zu steigen? O, wie oft hörte ich, dass hinter Klostermauern der Friede nicht wohnt! Dort soll ich des Lebens Blüte verwelken sehen? Ich bin ja noch so jung, Wallrade, ich habe kaum die Welt geschaut, und soll sie schon vergessen in dumpfiger Zelle? Du begehrst das Schwerste, das ich kaum gewähren könnte!"
"Wie's Euch beliebt;" antwortete Wallrade kalt: "mein Rat war redlich, Katarine; dass ihr ihn nicht befolgt, möchte Euch zu spät gereuen. Mich kümmert zwar Euer los nicht im mindesten. Wollet mir jedoch die Liebe tun, mein Haus stracks zu meiden. Ich lebe nicht gern mit Fluch und Bann unter einem dach."
Die grausame Rede schüttelte Katarinens schwaches Widerstreben zu Staub. Ein Strom von Tränen presste sich unter den Wimpern der Leidenden hervor, die wie verzweifelnd sich zu Wallradens Füssen warf. "O Wallrade!" jammerte sie: "Bin ich denn so ganz dem Bösen verfallen in Deinen Augen, dass Du mich unerbittlicher von Dir stössest, als es ein Heide tun würde! Ach, Wallrade! hat jemals Dein Mund wahrgesprochen, als er mich Freundin nannte, – so jage mich nicht von dannen, wie den gehetzten Hirsch! Hast Du nicht Mitleid mit mir – weil ich eine grosse Sünderin bin, – so habe doch Erbarmen mit meinem unschuldigen Würmlein, das nicht entgelten soll die Frevel seiner Erzeuger. Weise uns nicht hinaus in das wilde feindliche Treiben, das uns verschlingen würde! Ich habe nie gelernt, allein zu wandeln die Bahn des Lebens, .... wie soll ich es jetzt beginnen, da mir alle Stützen brachen? .. mit ihnen mein Mut?"
"Du fühlst es also," zürnte Wallrade, – "Du fühlst es, dass der Strudel der Welt Dich hinabziehen würde, und zögerst noch, in den sichern Hafen zu schiffen? Du bist Dir bewusst, schwächer zu sein als ein Kind, und sträubst Dich, nach dem treusten Stab, nach dem Kreuze zu fassen? Törichte, in Sünde und eitle Sinnenlust Verstrickte! Ich sollte Dich vergehen lassen im Verderben, .... aber noch einmal wendet sich Dir mein Herz zu. Gelobe, ehe es zu spät wird, meinem Willen zu gehorsamen. Rette Dich zu den weissen Frauen. Streng ist ihre Regel, aber herrlich und süss die Zukunft, die sie durch dieselbe erkaufen. Nicht Deine Strafe allein wendest Du vom schuldbewussten haupt ab .... auch Deines verbrecherischen Buhlen Pein kannst