1827_Spindler_093_116.txt

zürne mir nicht ernstlich. Was würde aus mir, wenn ich Deine Freundschaft einbüssen sollte? Lass mich indessen erst gänzlich meine Erzählung zu Ende bringen. Einen besonderen Zufall habe ich noch zu berichten. Du kannst Dir vorstellen, in welcher Lage ich mich befand, als die Hoffnung, den Gatten zu umfangen, mir entwichen, sein Trugbild, wie ein Gespenst unter meinen Händen in Nichts zerronnen war. Mich kümmerte das Anstarren der Gaffer nicht. In meinem, erst recht lebendig gewordnen Schmerze blickte ich auf zum Himmel, und drückte mein weinendes Kind heftig an die Brust, – da steht plötzlich ein junger Mann vor mir, in dem ich ohne Mühe jenen Jüngling erkannte, der uns, wie ich Dir schon erzählt, zu Costnitz den rätselhaften Besuch abgestattet hat, seit welchem meines Mannes verschlossne Schwermut anhob." –

"So?" unterbrach sie Wallrade überrascht: "jener Jüngling? Doch gewiss war's abermals nur ein Truggebild Deines Gehirns."

"Nicht doch;" fuhr Katarine fort: "die wunderfreundlichen Augen des jungen Mannes habe ich mir zu gut gemerkt, sah ich ihn auch damals nur gleich wie im Fluge. Eben so freundlich blickte er nun mich an, und schien nicht weniger überrascht zu sein, als ich. 'Ei, Frau von der Rhön,' sprach er hierauf: 'wie kommt's, dass ich Euch hier zu Frankfurt sehe? Ihr habt sicherlich unter dem Gedränge Euern Gatten verloren. Darf ich Euch an seiner Statt nach haus bringen? –'"

"Seht doch!" spöttelte Wallrade mit einer gewissen Unruhe: "wie ritterlich! Und Du gingst mit ihm, und benahmst ihm ohne Zweifel seinen Irrtum?"

"Meine Schaam liess es nicht zu;" entgegnete Katarine: "ich liess mich zwar von ihm nach haus geleiten, konnte mich jedoch nicht überwinden, ihm die Wahrheit zu sagen, wie angelegentlich er sich auch nach dem Herrn von der Rhön und der Ursache unsers hiesigen Aufentalts erkundigte." Auf der Schwelle des Hauses nahm er Abschied. Da war es aber auch, wo er mir folgende bewerkenswerte Worte sagte: "Grüsst Euern Gemahl von dem Unbekannten, edle Frau, und sagt ihm, er habe keine gute Zeit gewählt, hier zu verweilen. Sein böser Geist ist um die Wege. Er möge sich hüten, ihm zu begegnen. Ich werde in den nächsten Tagen selber ihn heimsuchen, und ihm, so Gott will, die Kunde bringen, dass die Gefahr vorüber." – "Somit schied er, und seitdem ich zu haus sitze, foltern mich neue Zweifel, peinigt mich verdoppelte Angst."

Wallrade schwieg eine Weile mit gerunzelter Stirne, nachsinnend und düster. "Dieser Mensch," sprach sie endlich, "ist ohne Zweifel selbst Deines Gatten Feind, oder das Werkzeug seines bösen Geistes. Hinter seinen rätselhaften Worten lauert Unheil, – ich wollte darauf einen Eid ablegen. Du musst dem Fremdling ausweichen; – ich will es. Ohnehin ist meines Bleibens hier nicht mehr lange."

"Nicht?" fragte Katarine ängstlich in Wallraden's Augen lesend: "Du wirst doch nicht vergessen, was Du mir, Deiner Freundin gelobtest? Hieher, erfuhren wir, habe der beklagenswerte Flüchtling sich gewendet; – hier verliert sich seine Spur, dem Anscheine nach; allein Du hast mir nähere Auskunft zugesichert, durch Deines Geschlechts und Deiner Freunde vielseitige Verbindungen. Versäume nicht, für mich zu handeln. Ich, die Verlassene ohne Verwandte, ohne Güter und Freund, vermag es ja nicht."

"Was ich gelobte, habe ich nie versäumt;" erwiderte Wallrade: "ich h a b e für Dich gehandelt; ich habe Aufschluss erhalten auf mein beharrliches Forschen; ich m u ss Dir nun, so wehe es mir tut, mitteilen, was ich aus der reinsten Quelle geschöpft; denn Deine überspannte sehnsucht, Deine auf's höchste gereizte leidenschaft für einen Treulosen, der Dich verliess, muss geheilt werden, sei es auch durch das läuternde Feuer des Grams. –"

"Gott! was werde ich hören!" seufzte Katarine in banger Erwartung, die Augen starr auf das unheilverkündende Antlitz Wallraden's geheftet, welche hart und ohne Rührung fortfuhr, Streich auf Streich gegen das kindlich wehrlose Herz der Unglücklichen zu führen. – "Nimmer wirst Du ferner den Schändlichen schauen;" sprach sie: "nach Frankreich ist er gezogen, um unter französischen oder englischen Fahnen sein Blut zu verspritzen. Nicht des Kaisers Zorn scheuchte ihn aus den Gemarken seines Vaterlands, sondern die Furcht vor der Rache Gottes und seiner Kirche. Er liegt im Bann."

"Herr des himmels!" schrie Katarine auf: "Im Bann? Was hat der Unglückselige gefrevelt? Was hat ihn in die ewige Verdammniss gebracht? O rede, rede Wallrade!"

"Du forderst mich auf, den grössten Jammer. Dir nicht länger zu verhehlen;" versetzte das fräulein, "der Herr von der Rhön hat mit Gottes heiligstem Gebote seinen verfluchten Spott getrieben. Das Sakrament der Ehe, das der Herr selbst eingesetzt, hat er missbraucht, um seinen Lüsten zu fröhnen. Ehe er Dich zum weib nahm in böser Arglist, hatte ihn der Priester schon mit einer andern eingesegnet vor Gott."

"Halt ein!" rief Katarine, entsetzt auffahrend; allein die Unerbittliche vollendete demungeachtet: "Die, die er verliess, um Dich zu betrügen,