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der Knabe sich begütigen wolle, denn seine Ängstlichkeit verlor sich nun so ziemlich, und er heftete dann und wann die blauen Augen staunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens, und auf ihre mit blitzenden Ringen gezierten Finger. Auf alle fragen, Ermahnungen und tadelnden Reden der Eltern erwiderte er nichts; jedoch in demselben Augenblicke, als man ihn zu vermögen gedachte, zwischen Margareten und Wallraden niederzusitzen, erstand wieder die vorige Furchtsamkeit in ihm, und er suchte abermals in Margaretens Schooss Zuflucht, wie vor einer Gefahr. – "Man hat dem Buben ohne Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet;" begann Wallrade mit beleidigtem Stolze: "wenn ihm die Schwester als ein Schreckgespenst geschildert wurde, so muss er sie freilich fliehen, wie die Sünde." – "Ei," erwiderte Dieter: "das hat meine Hausfrau sicherlich nicht getan, darauf wollte ich schwören." – "Mein werter Herr dürfte es auch;" bekräftigte Margarete mit gesteigerter Empfindlichkeit: "Der Knabe hörte kaum des Fräuleins Namen nennen. Ich wollte wetten, er hat vergessen, dass er eine Schwester hat. Unerwartet kam ihm daher deren Anblick; wenn wir nicht annehmen wollten," – setzte sie wie im Scherz hinzu, obgleich der Ernst hinter ihrem Lächeln lauerte, – "dass Kinder eine richtigere Ahnung haben, denn die Erwachsenen, ob man sie von Herzen liebt, oder ihnen nur des Herkommens wegen Liebkosungen erweisst." – "Das Letztere möchte sein;" entgegnete Wallrade rasch und kalt: "Ich muss bekennen, dass ich Kinder dieses Alters nicht liebe, wären sie auch die Söhne meiner werten Stiefmutter. Die Tölpelhaftigkeit der Buben ist mir in der Seele zuwider, und ich werde es als ein Zeichen Eurer aufrichtigen Freundschaft ansehen, ehrsame Frau, wenn Ihr mir, so oft ich des Vaters Haus besuche, den Anblick des ungeberdigen Stiefbrüderleins erspart." –

"Soll gerne geschehen, verlasst Euch darauf;" versetzte Margarete gekränkt, und beschäftigte sich damit, die Haare des kleinen Hans unter dem Sonenhütlein zu ordnen, das sie ihm aufsetzte, – damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend. –

"Das wird ja alles werden;" sprach Dieter begütigend: "Was lässt mich aber Deine Rede mutmassen, liebe Wallrade? Du gedenkst nicht zu wohnen in meinem haus"?

"Nein, mein Vater!" antwortete das fräulein bestimmt: "Ich bin seit Langem gewöhnt, in meiner Behausung Herr zu sein; und meine Gewohnheiten könnten Eurer Ehefrau lästig sein, so wie mir vielleicht ihre Hausordnung. Daher habe ich's für gut erachtet, in der Herberge zum Eichhorn abzutreten. Dadurch erspare ich uns allen manche Unannehmlichkeit, die um so überflüssiger ist, als mein Aufentalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer sein kann." – Dieter wollte sein Bedauern nicht verhehlen, und der Tochter zureden, aber Margarete unterbrach ihn schnell.

"Es sei fern von uns," sagte sie hitzig: "des Fräuleins Willen beschränken zu wollen, und darum geschehe nach ihrem Wunsche, aber die Freude, Euch an unsrem Tische zu bewirten, werdet Ihr dem Vater doch nicht versagen? – Der arme, kleine, ungeberdige und tölpelhafte Johann soll nie durch seine Gegenwart stören." – "Ihr verbindet mich immer mehr, gute Frau;" erwiderte Wallrade in gleichem Tone: "und damit ihr von meiner Bereitwilligkeit überzeugt werdet, so fordre ich Euch selbst auf, nach der Stadt zu kehren. An meines Vaters Seite sitzend, will ich ihm vom oheim erzählen, der ihn zärtlich grüssen lässt." – "Gruss ersetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr;" entgegnete Dieter seufzend, und, zum Weggehen fertig, sich auf Wallradens Arm stützend: "aber wehe tut mir's doch, dass er nicht selber kam, und dass Dagobert ausbleibt, auf dessen treuen Kindessinn ich Felsen gebaut hätte." – "Von Dagobert lasst mich schweigen;" äusserte Wallrade mit geheuchelter Bekümmerniss, und war aber im Augenblicke, auf die Aufforderung der väterlichen Besorgniss, bereit, dies Schweigen zu brechen. Mit dem alten Dieter vorausgehend, entwarf sie dem ängstlich Zuhörenden ein mit hämischer Bemühung ausgemaltes Truggemälde von Dagobert's Lebenswandel zu Costnitz, und führte den Pinsel so gut, dass der Vater in dem Verläumdeten bald den verlornen Sohn beweinte. – Während dieser Einflüsterungen ging in beträchtlicher Entfernung hinter Vater und Tochter Frau Margarete, den Knaben an der Hand, nachdem sie Elsen voraus zur Stadt geschickt, um zu einem erweiterten Mittagmahl Anstalten zu treffen. Die Art und Weise, wie die ungeliebte Wallrade trotz ihrer Schroffheit sich im ersten Augenblicke des Vertrauens des Vaters bemächtigte, mit geringschätzender Hintansetzung der Gattin desselben, – die Kränkungen, die Wallrade mit freigebiger Hand an die Stiefmutter und den Knaben gespendet, griffen hart und böse an das reizbare Herz der stolzen Leuenbergerin. Wie aber oft das menschliche Gemüt, – ein weibliches insbesondre, – aus Dingen Trost gewinnen kann, die an sich geringfügig sind, so beruhigte sich auch hier Margarete mit dem Gedanken, dass nicht allein sie selbst der Widersacherin Wermut, zu kosten gegeben, sondern dass der Knabe sogar durch seine deutlich ausgesprochne Abneigung der Gegnerin Stolz verletzt habe. Von dieser kleinen Vergeltung erfreut, bückte sie sich mit grössrer Freundlichkeit, – als sie sonst wohl dem Knaben zuwendetezu demselben hinab, und streichelte seine Wangen. "Du bist ein wackrer Bube;" sprach sie belobend zu ihm: "ich habe Dich lieb vor Allen