mit ängstlicher Freundlichkeit, und hob den Knaben der sich herbei gemacht hatte, auf den Schooss des Gatten, dessen Nacken sie umschlang. "Bedürft Ihr, um glücklich, und zufrieden zu sein, noch andrer Herzen, die Euch fremd geworden zu sein scheinen?"
"Nicht doch, geliebte Ehefrau!" beteuerte der gerührte alte Mann, den Buben und seine Gattin abwechselnd herzend und liebkosend: "nicht doch, herzliebes Söhnlein! Aber, wenn ich Euch gleich inniger im Busen trage, als die Vermissten, .... sie sind doch auch meine Kinder; vorab der Dagobert, der die Freuden des Hausvaters dahinten lassen muss, um der Mutter zu einer fröhlichen Urstund zu helfen."
"Hier, sagt man, soll ich Herrn Dieter finden?" fragte am Eingange des Gartens eine stimme, die Margareten nicht fremd, ihrem Gatten eine liebe war.
"Wallrade!" riefen beide überrascht, und Dieter's wankende Knie versagten dem Aufstehenden den Dienst. Indessen kam die Unerwartete und dennoch Ersehnte langsam und stolz herangeschritten, von Elsen begleitet, die ihr den Weg zu dem Elternpaare wies. "Wallrade! Tochter!" stammelte Dieter unter Tränengüssen der Freude, die arme weit öffnend. "Willkommen fräulein!" setzte die Stiefmutter hinzu, die Hand ihr reichend. Aber weder in die arme des Vaters sank die Tochter, noch ergriff sie die dargebotne Rechte. Einige Schritte von Dieter entfernt, stand sie stille, warf einen durchdringenden blick auf das Paar, und schlug die hände zusammen. "Herrgott!" sprach sie in dem tiefen Tone, der nicht selten auf ein hartes Gemüt schliessen lässt: "Wie verändert finde ich Euch, Vater! Die letzten Jahre scheinen Euch nicht zugesagt zu haben!" Dieter überhörte diese Worte, bewegt von den Gefühlen, die das schwache Alter doppelt empfindet; aber Margarete fasste sie auf, die wie ein kalter Hauch an ihr warmgewordnes Herz drangen. "Die letzten Tage, wollt Ihr sagen, fräulein!" erwiderte sie empfindlich: "Die letzten Jahre waren gut, und von Eurer Kindlichkeit wird es abhängen, ob der heutige Tag ihnen gleichen soll. Euer Vater harrt noch immer der schicklichen Umarmung entgegen. Ich möchte Euch nicht gern umsonst darauf aufmerksam gemacht haben. –"
Wallrade näherte sich dem Vater, küsste seine Hand und Wange mit Förmlichkeit, und neigte sich steif vor Margareten. "O mein liebes Kind!" sprach Dieter, der sie neben sich auf das Bänkchen niederzog: "Wie erquickt mich Dein Anblick. Ja, in Frauenherzen wohnt Versöhnlichkeit und der Funke der Liebe. Du, das verloren geachtete Kind, kehrst in's Vaterhaus zurück, während Sohn und Bruder ferne bleiben." – Wallrade zuckte leicht die Achseln und wendete sich zu Margareten mit den Worten: "Ehrsame Frau;" wenn mich der Vater schon verloren achtete, ... "um wie viel strenger mag nicht Euer Urteil über mich gelautet haben?" –
"Ihr irrt;" versetzte Margarete ruhig: "was das heisse Blut der Jugend fühlte, steht den reifern Jahren zu, wieder gut zu machen. Mein Herr liebt Euch, darum seid Ihr auch m i r kein unlieber Gast." – "Wacker gesprochen, liebe Wirtin!" rief Dieter, ihr entzückt die Hand entgegenstreckend: "Ihr seid eine Perle, wie sie wohl selten ein Greis in seinen Winterkranz flechten darf, und ich denke, Wallrade soll Euch bald innig befreundet sein. Umhalst euch vor meinen Augen. Das letzte widerstrebende Gefühl versinke in der freundlichen Annäherung. – So; und nun, meine wiedergefundne Tochter, küsse auch Deinen Bruder, den kleinen mutwilligen Johann, die Wonne meiner alten Tage." – Wallrade sah sich mit verdüstertem Antlitz nach dem Jungen um, der, wie Margarete erst jetzt bemerkte, sich hinter die Bank und die Gewänder der Mutter verkrochen hatte. – "Johann, wo steckst Du?" fragte Dieter liebreich: "Komm, umarme Deine Schwester!" – "Ei, du einfältiger Bube;" ermahnte Margarete den Weigernden: "Was muss denn Schwester Wallrade von Dir denken? Du bist ja kein Ungeheuer, das sich nicht am Tage sehen lassen darf. Komm, komm doch!" – Sie zog den schüchternen Buben, der sich aus allen Kräften sträubte, mit Gewalt herbei, und erschrak jetzt selbst über die Blässe, die sein Gesicht überzogen hatte. ängstlich gebückt, mit niedergeschlagnen Augen, stand der Kleine da, als hätte er ein Verbrechen begangen. Nichts konnte ihn bewegen, der Fremden nur einen blick, eine Sylbe zu schenken. Diese Scheu, welche Dieter und Margarete sich nicht enträtseln konnten, machte augenscheinlich den widrigsten Eindruck auf Wallraden. Sie stand auf, – zweifelhaft, ob sie ihr Gesicht dem Knaben zuwenden, oder es von ihm kehren sollte. Ihre Augen brannten, ihr Mund zuckte und ihre gespannten Züge drückten die Leidenschaftlichkeit aus, die ihre Brust beseelte. Ihren Unmut mühsam bemeisternd, wies sie des Knaben Hand schweigend von sich, als die Mutter, in deren arme er sich geflüchtet hatte, ihn bewog, ihr die widerstrebende zu überlassen.
Zugleich zog sie den Schleier über Stirn und Augen. "Da das Herrlein meinen Anblick unerträglich findet," – sprach sie mit angegriffener stimme, – "so tue ich am besten, wenn ich ihm das unwillkommne Gesicht entziehe." – Wirklich schien es auch, als ob