Häuschens. Als sie nun beide darauf Platz genommen, fingen die Glocken der Stadt an ihr Geläute ertönen zu lassen. Dieter schlug die hände fromm zusammen, sah eine Weile still vor sich hin, und redete alsdann: Sie haben in der Stadt ein gottesfürchtig Werk vor. In diesem Augenblicke legt der hochwürdige Stiftsdechant, Herr Jakob Herdan, den Grundstein zu einem stattlichen Turme, der am Damm aufgeführt werden soll. Ehrenwert ist es, da ein Denkmal für den lieben Herrgott hinzusetzen, wo früher das Rataus stand, auf dem der Bürger Wohl besorgt wurde; und ziemlich ist's zu gleicher Zeit, dass ich, den Gebreste verhinderte, von Amtswegen bei der heiligen Handlung zu sein, den festlichen Augenblick begehe mit frommer Tat und Rede. Seht, meine werte Hausfrau: ich habe es bis jetzt aufgespart, mit Euch etwas zu besprechen, das mir am Herzen nagte. Es kann Euch nicht entgangen sein dass ich seit einiger Zeit wohl nicht derselbe gegen Euch war, der ich früherhin gewesen. Ich kann leider nicht läugnen, dass der Tag, an welchem Euer Bruder uns mit gewohnter Unverschämteit heimsuchte, eine Quelle des Argwohns und traurigen Verdachts für mich geworden. Ich schäme mich schier, die Reden des wüsten Menschen zu wiederholen, die niemals einen Eindruck auf mich hätten machen sollen. Aber der Mensch ist ein schwaches geschöpf. Von dem Kleinern zum grösseren fortzuschreiten, – selbst den Funken zum Brande anzublasen ist ihm ein gering Geschäft. Der Böse verblendete mich ganz, da mich der Meuchelmörder überfallen und gezeichnet hatte. Ich beklage den Wahn, der mich gehässig gegen Euch anreizte, dass ich eure hülfe von mir stiess, und mich wie ein Toller geberdete, bis ich ohnmächtig mich Eurer Fürsorge überlassen m u ss t e . Da gingen mir endlich nach und nach die Augen auf. Euer still besonnenes Tun, gleich weit entfernt von dem Trugeifer einer Heuchlerin, wie von der schadenfrohen Sorglosigkeit eines Weibes, das sich Witwe zu werden sehnt, erweichte mein Gemüt, wie meine Wunde. Dennoch, argwöhnisch, wie ich war, las ich aufmerksam in eurem Blicke, und mir entging die ruhige Freude nicht, mit welcher Euch meine Genesung erfüllte. O, diese Überzeugung trug viel zu meiner Herstellung bei, und, als ein gerechter Mann, der sich nicht scheut, sein Unrecht einzugestehen, frage ich Euch heute, unterm Blau des himmels, und in Gegenwart unsers Kindes, ob ihr den gräulichen Verdacht vergeben könnt.
"Mein werter Eheherr ...." stammelte Margarete überrascht und beschämt: "Wie könnt Ihr doch meinen, dass ein Groll gegen Euch ...."
"Lieb Weib," fiel Dieter ein: "Ich liebe das Geradezu." Scheltet mich aus, wie einen Heiden, dass ich zweifeln konnte an Eurer Ehre und euerm Christentum, auf das zeugnis eines Lügners hin, und auf die Tat eines meuchlerischen Buben. "Nein," – fuhr er fort, Margaretens Wange und Hand streichelnd – "dies fromme Angesicht konnte mich nicht an einen Andern verraten; diese Hand, die mich so zart und sorgsam pflegte, hat nicht auf das Leben eines alten Mannes gezielt." –
"Jesus!" seufzte Margarete erschrocken: "Was kommt Euch zu Sinne, lieber Herr? Die Heiligen mögen Euch verzeihen, wie ich es tue, ob solchem schnöden Verdacht."
"Wenn Ihr vergebt, die Beleidigte, so tun es die Heiligen nicht minder;" antwortete Dieter; "und förder sollt Ihr nicht klagen können. Der Versucher soll nimmer an mich kommen. Mein Siechtum hat gar Vieles anders gemacht in meinem inneren. Eine recht süsse Wehmut, wie ich sie nie gefühlt, seit ich zum Erstenmal freite, hat mir es angetan, und den Wunsch in mir erregt, Alle, die mir nahe angehören, um mich her versammelt zu sehen: den Bruder, den Sohn, und .... ach ja ... und auch die Tochter, obgleich sie sich von uns geschieden hat mit Vorbedacht. Seht, Margarete, auch um dessenwillen muss ich Euch danken. Wallrade hat Euch schwer beleidigt, und dennoch tratet Ihr nicht zwischen sie und mein Verlangen."
"Die Jahre werden viel geändert haben;" erwiderte Dieters Gattin sauft: "Damals wollte sie nicht meine Tochter heissen; jetzt würde sie vielleicht meine Freundin."
"O gewiss;" bekräftigte Dieter: "die Zeit macht milder, wie das Sprüchwort heisst. Aber wehe tut mir es, dass bis jetzt auf mein redlich Schreiben weder Antwort kam, noch der herzliebe Besuch von den Dreien, die sich zu Kostnitz plötzlich zusammen doch gefunden. Ich hatte mich darauf gefreut wie ein Kind. Ich hatte mir alles so schön und heimlich ausgedacht, – wie ich Wallraden – die liebe widerspenstige Tochter – in Deine arme führen wollte; wie ich den zu unsrer Wonne so glücklich gesundeten Sohn an der Geschwister Brust gelegt hätte; ... aber meine Freude fiel in den tiefsten Brunnen. Noch am verwichnen Sonntage zupfte es mich an allen Nähten, und eine falsche Ahnung flüsterte mir zu: heute, – ja, heute kommen sie ganz gewiss. Schier hätte ich mich auf die Heerstrasse tragen lassen, um ihnen in die Ferne entgegen zu sehen. Der alte Tor hätte sich aber blind geschaut. Dem Greise versagen sich die, die er liebt." –
"Habt Ihr denn nicht uns?" fragte Margarete