lassen und die Dankbarkeit, die nimmer Verlöschende. Mein Gebet für Euch sei Friede, und der hochgelobte Gott verwirkliche hundertfältig den Segen, den schon jetzt mein Mund vom hohen Himmel herab auf Euch lenken möchte!"
"Genug! genug!" fiel hier Dagobert rasch und abstossend ein: "Lass uns erst an's Ziel gelangen, und möge es für Dich ein Erwünschtes sein. Die Vergangenheit werde nie zwischen uns berührt, und Deine Gesinnung über diesen Punkt gibt mir erst den Mut, Dein Gefährte zu bleiben, bis an Frankfurts Tore. Von da aus findest Du den Weg in's Vaterhaus allein, und unter uns sei es, als hätten wir uns nie gekannt."
"So sei es!" flüsterte Ester zögernd und kleinlaut, während Tränen ihre Wangen benetzten. Der junge Mann hingegen, der jetzt erst einen grossen Sieg über sein eigen Herz davon getragen, und nun den Talisman gefunden zu haben vermeinte, jeder Versuchung zu widerstehen, ging sorglosen Mutes hin, die Rosse zu rüsten, und Alles zu der Reise vorzubereiten, die auch mit dem ersten Frühstral angetreten wurde.
Ende des ersten Bandes.
Zweiter Band
Erstes Kapitel.
Der Lenz ist angekommen!
Habt ihr es nicht vernommen?
Es sagen's euch die Vögelein,
Es sagen's euch die Blümelein:
Der Lenz ist angekommen!
Ihr seht es an den Feldern,
Ihr seht es an den Wäldern;
Der Kukuk ruft, der Finke schlägt,
Es jubelt, was sich froh bewegt:
Der Lenz ist angekommen.
Hier Blümlein auf der Heide,
Dort Schäflein auf der Weide!
Ach seht doch, wie sich alles freut,
Es hat die Welt sich schön erneut:
Der Lenz ist angekommen!
Altd. Lied aus der Sage
vom Venusberge.
Es ist doch eine gar schöne, muntre und selige Zeit, wenn der Frühling wieder herein kommt ins Land, der gar nicht unedel von den Dichtern einem Bräutigam verglichen wird, welcher seine Braut zu schmücken und zu umfangen naht, im Glanz und Prunk des Hochzeittages. Ein Fürst der Erde könnte er nicht minder genannt werden, denn tausend leichtbeschwingte und buntgefiederte Herolde ziehen vor ihm her, seine Ankunft verkündend; himmelblau und golden ist sein Kleid, an das sich der fernen Eisberge Saum anschmiegt, wie Hermelinsverbrämung, und alle Blütenbüsche fügt er in e i n e duftende Krone, womit er sich und seine Liebe ziert.
Und die Braut, im Gewande zarter Hoffnung, umgürtet von den Silberbändern, deren Juwelenschmuck erst wieder lebendig wurde durch des Ersehnten feurigen Goldblick, winkt dem Nahenden mit jugendlich grünen Zweigen, und scheint ihn demütig zu fragen: Kommst Du noch einmal, mit mir den Bund zu schliessen in neuer Verjüngung? Nicht umsonst, Geliebter, trägst Du die Farbe der Beständigkeit, denn viele tausendmal begingen wir schon unsre Feier, und dennoch freist Du keine Andre als mich? – Der Hochzeiter schüttelt hierauf lächelnd die wohlriechenden Locken, dass Blüte auf Blüte und Perle auf Perle daraus in den Schooss der Freundin sinkt, als ein Geschenk seiner Freigebigkeit. Keine Andre als Du, spricht er, schmückt mir Lager und Teppich so bunt und reizend; keine wölbt mir Lauben luftig und schattig, wie Du; keine andre teilt meine Lust, das Leben zu beglückken, das aus Dir stammt, in Dir vergeht, und wieder von neuem aufsprosst, sich unsrer zu freuen. Glücklich sei das Geschlecht, während meines Reiches Dauer, denn nach mir kommen strengere Herrscher, und die sorge, und die Welkezeit, und die Nacht! –
Wer hat sich nicht schon gefreut unter dem lindwehenden Panier des fröhlichen Lenzes? Wer, der ein fühlend Herz in der Brust trägt, hätte nicht schon unter dem sonnigen Frühlingsschein die arme ausgebreitet mit unnennbarem Sehnen, entzückt von Dankbarkeit, erregt von milder Rührung? Predigt die schöne Jugendzeit des Jahrs nicht Friede und Versöhnung? Entwaffnet sie nicht den Hass in edlen Gemütern? O wahrlich, diese goldnen Tage sollten kein gezücktes Schwert schauen, die süsse Frühlingsluft kein drohend Wort vernehmen! – Aber die Leidenschaften ziehen eine Eiswand um des Menschen Herz, die auch der Lenz nicht zu schmelzen vermag; das rohe jüngere Geschlecht kümmert sich nicht um den Wonnemond, weil seine kräftige Begehrlichkeit nicht nach der Sonnenwende fragt, um Wonne zu geniessen; und nur des reifen Alters Vorzug ist es, das Leben zu verstehen, ihm Sinn und Deutung zu geben, und zu wissen, dass unser irdisch teil ein treues Conterfei des Wechsels in dem Weltall darstellt.
Wenn er's auch nicht aussprach, so fühlte doch Herr Dieter, der Altbürger, dasselbe, da er an einem wunderschönen Morgen in seinem Gärtlein lustwandelte, das vor der Stadt gelegen war, und trotz seinem einfachen Plankengehäge, und dem darin schlicht von Dielen auferbauten Lust- und Werkhäuslein höher von Dieter geachtet wurde, als sein stolzes Haus zu Frankfurt selbst. Auf den Arm seiner Ehefrau gestützt, – denn noch war die Wunde, an der er darniedergelegen, nicht völlig vernarbt, schritt er sinnend, aber hellen Auges, auf und nieder, und erging sich in der würzigen Luft und dem warmen Himmelshauche. Frau Margarete, ihrerseits in Gedanken versunken, aber dennoch ein Auge sorglich auf den prestaften Gatten geheftet, während das andre nach dem kleinen Hans hinüberschweifte, der mit Elsen in einem Winkel des Gartens spielte, schwieg gleich ihrem Herrn. Da begehrte der Letztere zu sitzen, und Margarete führte ihn zu der Bank an der tür des