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verstehe Eure Worte nicht," lispelte des jungen Knaben zarte stimme: "aber ich weiss, dass ich des Todes bin vor Angst und Gram, wenn Ihr von meiner Seite weicht, und nicht Mitleid habt mit meiner Schwäche." – Dagobert fuhr zusammen bei dem Klange dieser stimme. "Nein!" rief er, mit seinen Augen des Begleiters Gestalt messend: "also spricht kein Mann; das ist Frauensprache, und, wenn mich nicht ein böser Zauber betört, eine Sprache, die mir nicht unbekannt geblieben." – "Könnt Ihr verzeihen?" stammelte der Knabe, und wollte zu Dagobert's Füssen sinken, als dieser, plötzlich Ester's Züge unter der entstellenden Kappe entdeckte, und die furchtsame Dirne kräftig in der Höhe hielt. – "Unglückliche!" sprach er leise zu ihr: "Wie kömmst Du hieher? Doch gleichviel. Die Erläuterung raubt Zeit, und wir bedürfen der letzteren. Der Mondstral hat Dich mir genannt. Deinen Mund lass schweigen, bis wir ausser Gefahr sind. Hänge Deinen Arm in den Meinigen. Stütze Dich auf mich. Nun ich weiss, wer Du bist, muss ich nach Deinen Kräften mich fügen." –

"Guter Mann!" seufzte Ester, und lehnte sich vertrauend auf des Helfers Arm, der sie, obgleich die innere Ungeduld mit Nesseln peitschte, langsam durch die noch ziemlich belebten Gassen dem Tore zuführte. Die Hüter desselben spotteten des Paars, und machten sich weidlich über die bezechten Schüler lustig, die nach dem Gelage mit schwerem kopf den Weg zur Heimat suchten. Dogobert liess die rohen Gemüter gerne bei dem Glauben, der ihm und seiner Schutzbefohlnen so förderlich ward, und geleitete besonnen die Entkräftete zu einer Bank, die am rand der Heerstrasse stand. "Einen Augenblick darfst Du hier ruhen;" sprach er zu Ester: "sprich jetzt, Mädchenwie erkläre ich mir ...?" – "Fiorilla war meine Freundin geworden, wie Ihr bereits wisst, edler Herr;" antwortete das Mädchen: "sie nahm mich zu sich am gestrigen Tage, und ich liess mich lieber ihre Zofe nennen, als dass ich noch länger in dem haus geblieben wäre, wo Nachstellungen aller Art die Vaterlose verfolgten, die selbst zu den Füssen des Herzogs nur ein Versprechen freien Geleits gegen Frankfurt erhalten hatte. Euer oheim ahnte nichts von dem wahren Zusammenhange meiner Verhältnisse, und er schien viel Gefallen an der neuen Dienerin zu finden. Ehe jedoch Fiorilla mit der Bestimmung meines weitern Geschicks im Reinen war, kamt Ihr. O, ich hörte Euch kommen, ich hörte Euch sprechen, und die Vergangenheit lag wieder vor mir wie ein Paradiesesgarten. Ich hoffte wieder, ich war beruhigt, ohne mir genau bewusst zu sein, warum. Fiorilla bestärkte mich in dieser seligen Beruhigung, als sie plötzlich bei mir eintrat. 'Ester!' sprach sie: 'Dein Retter und Geleiter ist gefunden. Man spinnt Verrat gegen den Junker. Ich werde ihn warnen; er muss fliehen, und Dich mit sich nehmen, ohne zu wissen, wer Du seist, denn der Erklärungen und Einwendungen wäre dann kein Ende, und dennoch ist die Zeit nur allzugemessen. Mut, meine Freundin! Dagobert ist ein edler Mann; er wird Dich nicht verlassen.' Vermummt folgte ich Euch, und überlasse es Euerm Edelmute, ob Ihr Fiorillens Zusage erfüllen wollt."

"Ob ich will, ist keinem Zweifel unterworfen," antwortete Dagobert kurz und gemessen, denn er suchte hinter dieser Kürze den wahren unruhigen Zustand seines Herzens zu verbergen. – "Aber," setzte er bei: "armes Mädchen! Wohin soll ich Dich führen? gegen Frankfurt, wo Dein Vater im Kerker liegt?" – "Mein Vater ist unschuldig an jedem Fehl – o gewiss! glaubt es mir!" versetzte Ester mit Zuversicht: "Gewiss kommt er mir ohne Fesseln bereits entgegen, undwäre es nicht, – so bin ich in des alten Jochai's Armen aufgehoben wie im Schoosse der Mutter!" – "Wohlan denn!" sprach Dagobert: "So reiten wir noch diese Nacht. Jenes Dach beherbergt meine Rosse und meinen Knecht. Folge mir bis dahin, und wir wollen überlegen, wie Du am schnellsten fortzubringen bist." – Er unterstützte sie während des kurzen Gangs. – "Hast Du auch Alles überlegt?" fragte er an der Herbergspforte noch das Mädchen: "Ich bin ein junger wilder Geselle, dessen Arm Dich schon einmal umfing, dessen Lippen schon einmal auf den Deinen ruhten. Hast Du jener Zeit vergessen, oder meinst Du, ich hätte es getan? Hegst Du Vertrauen zu mir, und übergibt Dich mir auf der weiten Fahrt ohne Scheu, ohne Misstrauen?" – "Ob ich jener Zeit vergessen?" fragte Ester entgegen mit leuchtendem Blicke: "Ihr scherzt wohl, edler guter Herr. Aber so wahr als diese Hecken um uns her den Frühling künden durch ihre Knospen, so wahr ist das Vertrauen zu Euch, das in mir lebt. Auf der weiten Welt lebt Keiner, dem ich so zuversichtlich mein Leben anvertraue und meine Ehre. Ihr werdet mich führen zum Vater, Ihr werdet durch Eure fromme hülfe meinen Pfad ebnen, und den Frieden in mein Herz zurückbringen, wie die scheidende Sonne den Tau auf die lechzende Wüste. Denn auch Ihr werdet dann scheiden von mir, und nur die Erinnerung in meiner Seele