zehnmal im Jahre seinen Chorstuhl, und der Bischof hat das Uebermenschliche getan, wenn er die Weihen empfing, und vielleicht am Osterfeste das Hochamt mit anhört, auf seinem Trone sitzend."
"Leider hast Du Recht;" erwiderte der Begleiter. "Unfug ist eingerissen, aber ihn zu beseitigen, ist ja die Kirchenversammlung angeordnet. Du wirst sehen ..."
"Dass eine Krähe der andern die Augen nicht aushackt;" unterbrach ihn Gerhard. – "Lasst nur die Wälschen hineinplaudern; so ist von vorn herein Alles verkehrt."
"Vergissest Du, dass des Kaisers Majestät selbst sich alle Mühe gab, das Concil zu stand zu bringen? dass der beredtsame Prediger aus Böhmen daselbst seine Lehre verteidigen, sieghaft verteidigen wird?"
"Sieghaft?" lachte Gerhard: "Ihr habt so viel gelernt und tappt im Dunkeln? Wie machts der Jäger einem störrigen Rüden, der die Zähne weisst? Er lockt ihn mit Schmeichelworten, und kommt der dumme Hund heran, betört von trügerischer Freundlichkeit, so liegt ihm der Maulkorb vor der Schnauze ehe er sichs versieht, und der Knüttel auf dem Kreuz. – Wollt Ihr wissen, wie ichs einem Gegner mache, dessen Fechterkünste mir gefährlich scheinen? Ich lüfte den linken Arm, und während er nach der klaffenden Schiene stösst, und auf dem schnell gekehrten Schild die Lanze bricht, spiesst ihn meine Glene zwischen Halsberge und Krebs. Mein Roland schlägt seinem Pferde den Huf in die Seite, und im Sande liegen Ross und Reiter. – Was übrigens den Kaiser angeht, der wie ein Büttel deutscher Nation durch alle Länder fuhr, um Gotteswillen die Fürsten einzuladen ..."
"Schweig, Lästerzunge!" fiel ihm scherzend der Andere in die Rede: "Den Kaiser taste mir nicht an. Dagobert! sagte mein Vater beim Abschiede: Ich werde Deine Tage segnen, so ich Dich einmal in den Würden unsers Vorfahrers sehe, des berühmten Wikker Frosch, der Hauskaplan des höchstseligen Kaisers Caroli des Vierten und dessen rechte Hand gewesen! – Da ich nun also, diesen Zweck zu erreichen, mich freundlich mit dem Mehrer des heil. römischen Reichs halten muss, so verbiete ich Dir jeden Ausfall gegen Seine Majestät."
"Nun in Gottesnamen!" versetzte Gerhard: "So sei denn Friede zwischen uns, und ich empfehle Euch, als zukünftigem Kanzler des wackern Herrn, Euern untertänigen Knecht von Hülshofen zu beliebiger Versorgung."
Lustig trabten sie von dannen, und vertrugen sich herrlich auf der ziemlich weiten Fahrt, die, eine vorzeitige Kälte abgerechnet, nichts Besonderes aufzuweisen hatte. Ungeduldig sah sich Dagobert nach Abenteuern um. Mit gleicher Ungeduld spähte Gerhard aus nach der Unbekannten im Trauergewande, aber die sehnsucht Beider ward getäuscht. Näher und näher kamen sie dem Ziele, und waren nur noch etliche Stunden von Costnitz entfernt, als sich endlich der Schauplatz um sie her veränderte. Die Strassen wimmelten von ab- und zugehenden Wanderern, von Reitern und Fahrenden. Eine grosse Menge von Landleuten schleppte die Vorräte des Landes nach der Stadt, in der es summte und brauste, wie in einem Bienenstocke. Kaufleute, Handwerksgesellen, Gaugler und Bänkelsänger zogen Hordenweise dem gelobten land zu. Alle Herbergen und Schenken waren überfüllt von fremden Gästen, die in jeder Zunge schwatzten, sangen und fluchten. Gerhard freute sich des bunten Lebens, so lang es ihm nicht den Zutritt zum Keller versagte, aber seine Erwartung, diese Freude von seinem jungen Begleiter geteilt zu sehen, betrog ihn gewaltig. Der muntre Dagobert wurde unter dem ergötzlichen Gewühl still, einsylbig, verdüstert, und blickte verdrossen vor sich hin.
"Lustig! Lustig!" rief ihm Gerhard mit ungestümer Teilnahme zu: "Es geht ja hier zu, wie beim Turmbau zu Babel! Fröhlich mitgeschwommen in dem Strome des heitern Lebens, junger leicht beweglicher fisch! Jetzt, unter Fremden gilt's, die blenden Schuppen zu regen, und obenauf zu rudern in träglicher Flut!"
"Deine Ermahnungen erregen nur meinen Unmut;" erwiderte Dagobert. "Was ist es anders, das meinen Geist bekümmert, als eben wandeln zu müssen unter Fremden. Hier ist nicht mehr Deutschland. Die heimeliche Sitte der Vaterstadt gilt hier nicht mehr, untergehend unter dem Schwall fremder Gewohnheit, die sich breit macht auf unsrer Erde. Und nimmer kehre ich vielleicht zurück zu dem haus, wo meine Wiege stand; nimmer sehe ich sie vielleicht wieder, die Fluren auf denen meine Jugend erwuchs. Ein gutgemeintes aber vorschnell Wort schneidet mich aus dem häuslichen Leben; der Groll einer Verschmähten wirft Berge und Ströme zwischen mich und meine Heimat! Was wird mir die Fremde bieten, die nicht meine Sprache kennt, nicht mein vaterländisch Herz?"
"Ihr schiebt Alles aufs Vaterland!" brach Gerhard los: "aber der Donner soll mich erschlagen aus heitrem Winterhimmel, wenn hinter den Gedanken an die Heimat sich nicht noch birgt das Gedächtniss an was liebes, das Ihr daheimgelassen."
Dagobert errötete und sprach nach einer Weile: "Fast möchtest Du recht haben. Ich gestehe es selbst. Ich glaubte nicht, dass ein wohltuend Gefühl, welches ich seit Jahren bewahre, wie man eine bescheidne Blume bewahrt im stillen Schlafgemach, so ernstlich geworden sei. – Aber," fuhr er, sich ermannend, fort: "Es ist all Torheit und Schnack. Ich hätte das Blümlein nicht vor die Brust stecken dürfen, wenn ich auch ein Laie bleiben könnte. Der Levit muss sich