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machen. Während das Concilium auf der einen Seite die Blitze schmiedete, welche den protestirenden Papst unrettbar von dem römischen stuhl schleudern sollten, griff auf der Andern Sigmund nach der schrecklichen Waffe, die den, oft nur Schattengewalt besitzenden Kaisern Deutschlands zu Gebote stand, – nach des Reiches Acht. – Wie langsam und zögernd auch diese Strafe vorbereitet wurde, so fand sich doch kein Talisman sie aufzuhalten.

Friedrich, verlassen von seinen Freunden, feindselig geschmäht von denen, auf deren Beistand er gebaut, musste knirschend dem verhassten Luxemburger das Feld räumen, ehe noch das Ungewitter zum völligen Ausbruch kam. Seinem kleinen Heere von Rittern, Waffenknechten und Dienern hatte er es zu verdanken, dass man den Vorbereitungen zu seinem Abzuge nichts in den Weg legte. Bittrer Unmut und die Scham, seinem Todfeinde zu unterliegen, peinigte ihn, und sprach auch aus ihm, als am Abend vor seinem Wegzuge Dagobert, von Schafhausen rückkehrend, vor ihm trat. – "Was wollt Ihr hier?" fragte er den jungen Mann bekümmert: "Entweicht unter dem Fittich der Nacht, – dennnicht lange wird's dauern, und geächtet bin ich, wie Alle, so mir anhängen. Jesus Christus! wer hätte das gedacht? Wahrlich, wahrlich; die Deutschen sinds wert, vor eines Schalksnarren Zobelpelz zu katzenpuckeln. Pfui! pfui! Ehre, Treue und Redlichkeit sind nur leerer Tand, und der Falschheit gehört die Welt. Flieht, mein guter Geselle. Eure Treue kann ich jetzt mit nichts belohnen, als mit der Warnung: verlasst diese Stadt; man spricht schon hie und da von Eurer Teilnahme an meinem Verrat, wie sie's nennen. Geht aber auch nicht mit mir; ich habe das Spiel verloren, und das Unglück vererbt sich leicht auf junges Blut. Wird's wieder Tag, sollt Ihr von mir hören!" –

Dagobert betroffen über das Unerwartete, das er hier erfuhr, versicherte dem Herzog seine Treue, seine Ergebenheit, und den Entschluss, dennoch nicht von seiner Seite zu weichen.

Der Herzog schüttelte mit entschiedner Verneinung das Haupt. – "Ich verbiete Euch, mir anzuhängen!" rief er fast unmutig: "Der Teufel ist in die Zeit gefahren, und was sonst in deutschen Landen unerhört war, ist an der Tagesordnung. Gehts nach Sigmunds Sinn, – und warum sollte es nicht nach ihm gehen? so bleibt mir in Kurzem kein Pfulb um meinen Kopf darauf zu legen. Wie könnte ich Euren Bedürfnissen steuern. Geht, geht, wohin des Sohns Pflicht Euch ruft; gegen Frankfurt, und denkt mein an dem Tage, wenn der Pfaffe Euch des Gelübdes entbindet." – "Mein Wohltäter!" seufzte Dagobert, Friedrichs Hand küssend: "Euch zu lassen, fällt mir schwer." – "Doch ist's vonnöten;" entgegnete der Herzog, sich rasch losmachend, um der eignen Rührung vorzubeugen: "geht heim, küsst den Vater und das Mütterlein, und freut Euch des Lebens. Jesus Christus! wär' ich noch einmal jung und frei wie Ihr! Mit meinen tyroler Gemsenschützen wollte ich ein Schiessen anstellen, dass dem Mehrer des Reichs die letzten Haare wackeln sollten. Aber heute zu Tage gilt's der eignen Haut sich wehren. Geht heim, sage ich, und lernt ritterlich Gewerbe. Wer drein schlagen kann, und das Herz auf dem rechten Flecke hat, verdirbt nicht in unserm rauflustigen vaterland. Undweil mir's gerade einfälltich will Euch zu guter Letzt noch gelegenheit geben, ritterliche Pflicht zu üben. Der arme Schächer, der Jude, dessen Gold mit zu dem bewussten Turniere helfen musste, und dessen von mir ausgestellten Brief mein Spitzbube von Rentmeister zu Schafhausen nicht eingelöst hat, wie Ihr mir berichtet, ist nach Frankfurt geschleppt worden; der Himmel weiss, was sie mit der Judenseele zu beginnen denken. Die Tochter des unglücklichen Menschen hat sich mir zu Füssen geworfen, und um meine Fürsprache gefleht. Auf meine Fürsprache gibt aber jetzt Niemand das Geringste, dennwie gesagtder Teufel ist in die Zeit gefahren. Ich gab ihr jedoch mein Wort, sie nach der Heimat bringen zu lassen. Ich habe dabei Eurer gedacht, und bestelle Euch zu des Mädchens Vogt." –

"Mein gnädigster Herr" – stammelte Dagobert betroffen und bestürzt. Friedrich fuhr aber gleichmütig fort: "Fürchtet Euch nicht. Es ist zwar nur ein Judendirnlein, aber so fein und zart und lieblich, dass es manche Heilige nicht zürnen würde, schriebe man ihren Namen unter der Jüdin Bild. Schafft die anmutige Ketzerin nach haus, ehe sie gezwungen wäre, Sigmunds Gerechtigkeit und Ritterlichkeit in Verlegenheit zu setzen. Ihr wisst, um welchen Preis die Majestät Witwen und Waisen zu schützen, wie sie das zugesicherte Geleit zu handhaben pflegt. Jagt das Lamm dem Wolf nicht in die hände. Bringt es zur heimatlichen Herde, und gebt der vaterlosen Maid in meinem Namen das heilige Versprechen, dass ich mich meiner Schuld gegen Ben David entbinden werde, sobald ich den drohenden Sturm überstanden habe. Geht; ich rechne auf meines Auftrags sichre Vollziehung. Zieht von dannen, ehe es zu spät wird, undGott mit Euch."

Der Herzog drehte sich kurz und rasch auf dem Absatze um, und ging mit starken Schritten in das Seitenzimmer, das er heftig hinter sich verriegelte. Dagobert streckte die arme nach ihm aus, wie nach einem scheidenden Jugendfreund,