mit Euch ausziehen, was das Zeug halten mag, denn nun kommt mir's selbst vor, als ob es geraten wäre, Euch möglichst schnell von dannen zu schaffen" – Der Befragte, für welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Höllenqual gewesen war, gab wehmütig seufzend, und der notwendigkeit gehorchend, seine Zustimmung zu des jungen Mannes Vorschlag, und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken, als Dagobert und Vollbrecht ihren Gaulen die Sporen gaben und mit dem Dritten Reissaus nahmen, als gelte es, vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen.
Ohne Gefahr verlief ferner die Reise. Über Heerstrasse, Strom und einsamen Pfad geleitete die Fliehenden das Glück. Aber erst, als sie bei dunkler Nacht Schafhausen erreicht hatten, und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl gemäss, wohl aufgenommen worden waren, senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem erhabnen Flüchtling das Knie zur Erde, um den Worten: "heiliger Vater! Ihr seid in Sicherheit. Wie der Herzog sein Fürstenwort gegen Euch gelöst, also hab' ich meine Zusage gegen ihn erfüllt. Ich danke Gott dafür, und bitte um Euern Segen zur Rückkehr." – Der Papst, obgleich zum tod ermüdet von der ungewohnten Anstrengung, legte nicht ohne ein Gefühl der Rührung seine hände auf den Kopf des erwählten Rüstzeuges. – "Unsern Dank, und des himmels Segen nimm hin für Deine wohl gelungne Tat!" sprach er feierlich: "Zugleich aber empfange von unsrer Huld ein Geschenk, das auch in der Zeitlichkeit Wert haben mag. Als uns der Herzog von Deinem Beistande in Kenntniss setzte, unterrichtete er uns ebenfalls, dass ein Gelübde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte, welchem jedoch Euer Sinn, der nach Taten und Weltruhm strebt, nicht hold sei. In Betracht, dass dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen, die freiwillig seinem Dienste sich weihen, – dass Euerm oheim, der sich von unsrer Seite losgesagt, vollends nicht zustehe, dem Herrn einen unwillkommnen und gezwungnen Diener zuzuführen, – so wie in Betracht Deiner Bereitwilligkeit, uns gefällig zu sein, – haben wir dem Herzog versprochen, Deines Gelübdes Bande zu lösen, und lösen sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von Gott uns Unwürdigsten anvertrauten Macht. Morgen soll das Breve Dir ausgefertigt werden, zu Deiner Beruhigung und zum Gedächtniss unsrer dankbaren Huld."
Die rauhe stimme des erschöpften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in Dagobert's Ohr, und sprachlos küsste er des Befreiers hände und Kleid. Der Papst winkte ihm jedoch aufzustehen, und warf sich in den Lehnsessel, um mit so viel Würde, als es die freilich sehr unvorteilhaften Umgebungen erlaubten, die Schar der geistlichen und herzoglichen Beamten Schafhausens zu empfangen, die, so eben von der Ankunft des höchsten und unvermutetsten alle Gäste unterrichtet, noch in später Nacht dem haupt der Kirche und dem Freunde ihres Landesherrn die schuldige Huldigung darzubringen kamen.
Sechzehntes Kapitel.
Frischen Mut,
Junges Blut!
Ziehe nach der Heimat Land
An der schönsten Frauen Hand!
Lied.
Die Flucht Johann's XXIII., die noch am selben Tage, wo sie Statt hatte, ruchtbar wurde, hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Fürsten, Pfaffheit und Volk gemacht, und das prächtige Turnier, das Herzog Friedrich zum Deckmantel seines Vorhabens gebraucht hatte, auf eine ärgerliche Weise gestört und zu Ende gebracht. Eben so wenig, als die Sache selbst, konnte des Herzogs Mitwirkung lange ein geheimnis bleiben. Friedrich mühte sich auch keineswegs, seine Tat zu läugnen, und berief sich kühn auf das sichre Geleit, das er, nebst andern Herren, dem Papst zugesagt, auf die Gefahr, in welcher Johann geschwebt hatte, durch des Kaisers Hinterlist und des Conciliums Feindseligkeit Tiare und Freiheit zu verlieren; auf die Pflicht, die ihm, dem Herzog, daraus erwachsen, solche Willkür nicht zu dulden; und endlich auf die dem Fürsten wie dem schlechten Edelmann heiligen Turnierartikel, die den Schutz der Unbinden. Sotane Ritterlichkeit, freudig und zuversichtlich, ohne Furcht und Reue offen an den Tag gelegt, sollte, nach des Herzogs Berechnung, die wirksamsten Folgen für des Papstes Lache haben, – ein schneidendes Gegenstück zu Sigmund's gegen Huss bewiessnen Wortbrüchigkeit liefern, – alle weltlichen Stände auf die Seite des Herzogs bringen, und der grossen Anzahl derjenigen Geistlichen, die nur aus Scheu und Furchtsamkeit Partei wider Johannes genommen hatten, neuen Mut, Selbstständigkeit und einen festen Anhalt geben. – Von diesem Allen geschah indessen nicht das Geringste. Friedrichs Biederkeit und Treue scheiterte an dem Bunde seiner Gegner, wie ein die offne See befahrendes Schiff an dem verborgnen Felsenriff zerschellt. Der Herzog hatte Recht gehabt, als er sagte: Sigmund war nie mächtiger, als in dem Augenblicke, wo er, ein demütiger Knecht, des Papstes Füsse küsste, und ihm knieend im Namen der Christenheit für seine Nachgiebigkeit dankte. Diese Nachgiebigkeit eben, – ein Schlangenmittel falscher Staatskunst, von Friedrich missbilligt, hatte Alles verdorben. Wer den Treubruch eines Andern ahnden will, muss nicht selbst zum Doppelzüngler werden. Dem zufolge kettete sich Kaiser und Concilium fest aneinander. Otto Colonna, ein Fürst der Kirche, ehrgeizig und durchgreifend, wie nur je ein Bewerber um die höchste Macht, trat an die Spitze der zürnenden Väter. Offen ging er nun seinem, früher verhehlten, Zwecke entgegen, und benutzte geschickt die dem Kaiser als Reichsoberhaupt zugefügte Kränkung, um den Bruch zwischen dem letzteren und seinem Reichsstand dem Herzog unheilbar zu