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Landsmann!" rief er, und wollte zwischen den müssig an dem Stadttore umherlungernden Soldknechten hindurch, als eine stimme unfern von ihnen ein lautes: "Haltet auf! haltet auf!" vernehmen liess, und die Wächter auf diesen Ruf den Gäulen ihre Partisanen vorhielten. Dagobert hatte genug zu tun, den erblassenden und im Sattel schwankenden Flüchtling, auf eine gute, nicht allzubemerkbare Weise aufrecht zu erhalten, und musste darum schon die Verfolger ungehindert herankommen lassen. Am unbefangensten, weil er seiner Gesichtszüge am meisten Herr zu sein wusste, drehte sich Ben David nach den beiden Männern um, die Haltauf gerufen hatten, und in welchen nicht der Stadtschreiber von Frankfurt, noch viel weniger der Ratsweibel von Costnitz, in die Farben der Stadt gekleidet, zu verkennen waren. Es geschieht indessen wohl öfter, dass der launische Geist, der sogern die Handlungen der Sterblichen stört, an dem Schuldbewussten Unheilahnenden vorübergeht, und nach dem Sorglosen Unvorbereiteten greift, um ihn in das zermalmende Räderwerk seines schwarzen Spucks zu ziehen. Also erging es auch in vorliegenden Umständen dem Vater der holden Ester. "Was wollen die gestrengen Herren?" fragte er mit jener einschmeichelnden Freundlichkeit, die seine Nation so willfährig annimmt, um den Zorn des Gegners vor dem Ausbruche zu entwaffnen; aber unfreundlich lautete die Antwort aus des Stadtschreibers mund: "Dich selbst, Jude!" – Ben David verstummte erbleichend. "Wie so? warum?" rief Dagobert dazwischen. – "Das kümmert Euch nicht, junger Herr!" erwiderte der Stadtschreiber: "Der Jude gehört dem wohlweisen Rate zu Frankfurt, und ihn zu verhaften, brachte ich die Weisung mit. Heute erst fand ich des Burschen Schliche, und grämte mich bass, ihn ausgeflogen zu wissen, als ich zum Glück seiner jetzt noch zu guter Zeit ansichtig wurde. Euch bringt es aber wenig Ehre, Junker, mit solchen Gelichter in die Welt zu reiten." – "Hab' ich denn verstanden recht?" fragte Ben David kleinlaut: "Verhaften wollt ihr mich?" – "Ich scherze nie;" versicherte Meister Heinrich: "Steig ab, und folge diesem mann in den Turm." – "Hab' ich doch nichts verbrochen!" seufzte der Jude: "Lasst mich ledig, übt Barmherzigkeit!" – "Steig ab," wiederholte der Stadtschreiber strenger, "oder ich lasse Dich von der Mähre werfen, und geknebelt von dannen bringen." – "O mein Herr Gott in Israel!" ächzte Ben David, in höchster Bestürzung vom Maultier gleitend: "Werde ich geführt zu meiner Tochter?" – "Nein!" äusserte der Stadtschreiber mit Härte: "Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen; denn morgen mit dem Frühsten geht's mit Dir nach Frankfurt; und dann gute Nacht!" –

Ben David entsetzte sich, dass seine Kniee wankten. Der Reiter des Grauschimmels, der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Torwächter geworden war, zupfte Dagobert dringend am Ärmel. Dieser kehrte sich aber nicht daran, sondern fragte herrisch, da ihm Esters Vater nicht so gleichgültig war, als der Jude: "Noch einmal! was hat der Mann verbrochen?" – "Reitet Ihr Eurer Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann!" antwortete der Stadtschreiber nicht minder herrisch: "Was kümmert den pfaffen der Ebräer? Fort mit dem Juden!" "werde' ich auch nicht dürfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn, der sich meiner annimmt, wie ein Freund?" sprach Ben David untertänig zu dem rauhen Gerichtsherrn. – "Meintalben, wenn sich der Junker nicht schämt, von Dir Freund geschmäht zu werden;" meinte der Stadtschreiber: "Mach's indessen kurz."

Da näherte sich Ben David rasch dem jungen mann, ergriff seine Hand, schüttelte sie bewegt, und rief: "Der Herr Israels, der da ist der hochgelobte Gott der Welt, segne Euern Ausgang, und streue Palmen auf Euern Heimweg!" – "Bei dem haupt Eures Vaters beschwöre ich Euch," setzte er leise hinzu: "das Pergament, so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse, meinem kind zu übergebenentweder das Geschrift, oder das darin benamste Geld, das ich erheben sollte zu Schafhausen. Der Fürst der Barmherzigkeit wird Euch dafür segnen in der Stunde des Scheidens. Sagt meiner Ester, sie möge ....." – "Verdammter Mauschel!" donnerte der Stadtschreiber, und riss den Juden von Dagobert hinweg: "Was hast Du Heimliches von? Macht Junker, dass Ihr Eurer Wege zieht, sonst muss ich mich auch Eurer person versichern!" – "Festina, carissime fili!" raunte dem jungen mann sein Schutzbefohlner zu, und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen den ängstlich in seinen Augen lesenden Ben David, mit einem verächtlichen Achselzucken gegen den Meister Heinrich und seinen Schergenzugleich aber mit einem kräftigen: "In Gottesnamen! liess Dagobert seinen Gaul über die Spiesse der Söldner wegsetzen, riss seinen Begleiter nach sich, und befand sich sammt ihm bald an der Linde des Kreuzwegs, wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne dehnte." – "Holla! auf! du fauler Gesell!" rief er dem Knechte zu: "Zu Gaule! und Ihr, mein würdiger, unbekannter Herr, fügte er gegen den Verkappten bei, – Ihr erlaubt es wohl, dass wir Beide Euer Pferd in die Mitte nehmen, und