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, mehrere Schritte von ihm entfernt, des grauen Rosses Zügel um den Arm geschlungen hielt, und ängstlich bald auf das Pferd, bald auf den vermutlich nicht angenehmen Nachbar schielte, bald endlich die Augen gegen Himmel drehte, und ebenfalls das Äussere eines Beters annahm. Der lange hagre Mann steckte in einem geringen Gewande, wie es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeignen Knechten zu geben pflegt. Ein halb geübtes Auge musste zugleich wahrnehmen, dass er nicht einheimisch in diesem Kleide war. Die Last der Reitstiefel zog die Knie hernieder; der Koller von Büffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer Steifheit; die Handschuhe waren zu weit, wie der Gürtel, an dem, zurückgeschoben wie ein unnütz und ungewohnt Gerät, ein kurzes Schwert hing. Dasjenige aber, was das grösste Widerspiel zu dem reisigen Gewande bildete, war des Mannes Gesicht, das aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraussah, wie der Kopf eines Mauren. Die grossen Augen, deren Weisses grell gegen die Olivenfarbe abstach, wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke. Jetzt lauerten sie furchtsam nach der Seite, dann wurden sie ernst und düster nachsinnend; darauf nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an, die mit dem Übrigen nicht zusammen zu reimen war. Die Augenbraunen waren dick und schwarz, keine Spur von Backen- oder Kinnbart war vorhanden; die Haare versteckte eine schwarze Mütze, die beinahe über die Ohren herabgezogen war, und auf dieser Mütze sass eine graue Filzkappe, an welcher ein dürftiges Federbüschlein schwankte. Dagobert konnte sich eines leichten Schmunzelns nicht völlig erwehren, da er seine auserlesene Reisegesellschaft in Augenschein nahm, und erwiderte obenhin den unterwürfigen Gruss Ben Davids. – "Nun, mein Freund," wendete er sich zu dem Fremden: "sind wir bereit, abzureiten? Ich dächte, es wäre Zeit." – "Es ist doch wahrlich Zeit;" fiel der Jude mit einem besorglichen Seitenblick auf den Verkappten ein: "lasst uns eilen, gestrenger junger Herr, dieweil die Strassen noch sind leer." – Der Fremde warf einen verdriesslichen blick auf den Plaudrer, nickte dem jungen Geleitsmann zu, und machte Miene zu Ross zu steigen. "Ei, ei, lieber Herr, wie geberdet Ihr Euch doch?" fragte Dagobert halb mitleidig, halb unwillig, da aller hülfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte: "Der mag's bei Gott verantworten, der Euch zum reisigen mann stempelte. Ein Glück, dass des Herzogs Leute alle ferne sind, und der Torwart seine Augen auf seinen brummigen Lieblingskater gerichtet hat, Ihr würdet ansonst wohl schwerlich dem Spottgelächter entgehen." – "Parva sustine patientia, mi fili!" gab ihm hierauf der Mann zur Antwort, und kletterte vollends, so zu sagen, über die Schultern Dagobert's in den Sattel des Grauschimmels, auf welchem er sich mit aufgezognen Beinen und in die Mähnen des Pferds verwickelter Rechten nichts weniger als reiterlich ausnahm. – Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an, und schwang sich dann wieder auf den eignen Gaul, das Zeichen zum Ausritt gebend. Der Torwart öffnete die Sperrflügel, und das Dreiblatt klepperte, ohne ein Wort zu verlieren, durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadtin welchen das Sonnenlicht so selten war, als ein Menschengesichtdem Schafhauser Tore zu. Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlnen sorge und Angst gehabt, so wurde sie noch grösser, da er wahrnahm, wie der Fremde so gut als gar nichts vom Reiten verstand, beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls hoch im Sattel aufflog, wieder niederhutschte, zusammengekrümmt wie ein tauchender Nir, und den Zügel schier fahren lassend, sein einzig Hort in dem krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte. Der Maultierreiter, so vertrackt er auch sich ausnahm, war ein Turnier- und Kunstreiter gegen den Unbekannten, den Dagobert endlich vor sich hertraben liess, um bei einem vorkommenden Unfall bei der Hand zu sein. – "Sage mir doch, Ben David," flüsterte er dem Juden zu: "da ihr Juden doch alles besser wisst, als unsereins, wolltest Du mir nicht vertrauen, wer unser Begleiter ist?" – "Ein schlechter Knecht, der nicht kennt seinen Hauptmann;" erwiderte Ben David lächelnd: "ich spreche nicht hier von mir, sondern von Euch, gestrenger Junker. Ihr seid getreten oder wollet treten in den Stamm der Cohenim, und kennt nicht dessen Obersten? Ihr wollet weiden die Schafe, und kennt nicht den Hirten, der Euch weidet?" – "Ich will ein Schaf sein, wenn ich Dich verstehe;" versetzte Dagobert wie oben: "Jude, Du bist verrückt." – "Mit nichten;" antwortete Ben David; "aber werden könnte man's, so man bedenkt, dass das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist, davon zu reiten seinen Feinden, vermummt als ein Knecht, und im Geleite eines schlechten Juden." – "Herrgott!" seufzte Dagobert erschrocken: "sagst Du die Wahrheit?" – "So ich die Wahrheit gesehen habe, habe ich sie gesagt;" entgegnete Ben David: "vertraut hat man mir sie nicht, aber ich habe einen scharfen blick und will verkrummen, wenn ich plaudre, was ich gesehen." – "Das ratet Dir auch der Himmel!" drohte ihm Dagobert, und ergriff schnell herbeieilend den Zügel des Graurosses, das so eben von dem erreichten Tore ab, in eine Seitenstrasse lenken wollte. "Hier hinaus,