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Carl Spindler

Der Jude

Deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte

des fünfzehnten Jahrhunderts

Gespenst der Vorwelt:

Warum rufst Du mich herauf aus meinem dunkeln

grab?

Zauberer.

Aus dass Du zeugnis gebest von einer dunkeln Zeit.

Erster Band

Erstes Kapitel.

O Marten! Marten!

Der Korb muss verbrannt sein,

Das Geld aus den Taschen,

Der Wein aus den Flaschen,

Die Gans vom Spiess!

Da trink und iss!

Wer sich voll zechen kann,

Wird ein rechter Martinsmann!

Altd. Lied.

Der zwölfte November des Jahrs Eintausend vierhundert und vierzehn nach des Erlösers Geburt, sah mit kaltem und duftigem Morgenantlitz in die Fensterscheiben der Herberge zum Rebstock in der Reichsstadt Worms. Der Winter hatte dem Späterbst tälpisch und zierlich zugleich in's Amt gegriffen; denn, während alles knisterte und knarrte, vor der früh eingebrochnen ungestümen Kälte, hatten die entlaubten Bäume weisse Wollelöckchen angesetzt, und niedliche Eisblümlein sich angewachsen am Glas und Gestein. Zwar leckte der Sonnenstrahl gierig an den über Nacht aufgeschossenen Gewächsen, aber seine Zunge war nicht mehr feurig genug, sie aufzuzehren. Im untern Geschosse des Rebstocks kam man der matten Sonnenflamme mit glühendem Ofen zu hülfe, allein im Oberstocke glimmte kein Funke, und der mächtige Kachelofen der hübschesten stube des Hauses, die nach einem über der tür angemalten buntfarbigen Blumenstrauss "die Maienstube" genannt wurde, war eiskalt, obschon ein stattlicher Gast das Gemach bewohnte. Die Attribute der Ritterschaft: Schwert, Handschuhe, bespornte Stifel und Federhut lagen unordentlich hin und her auf dem Boden zerstreut. Der Besitzer dieser Herrlichkeiten lag aber völlig angezogen zu Bette, beschäftigt, den verwichenen Martinsabend auszuschlafen, der ihm nicht am zuträglichsten gewesen zu sein schien. Neben ihm ruhte, in einen Reitermantel gewickelt, ein gar holder Knabe, dessen still lächelndes Gesicht, vom sanftesten Schlummer befangen, sehr gegen das aufgedunsene, von Trunkenheit und wüsten Träumen entstellte Antlitz des Nebenschläfers abstach. Der Letztere reckte sich endlich, fuhr mit der breiten Hand über Stirne und Augen, und den bereiften Bart und erwachte. Verwundert betrachtete er die stube und seine eigene Gestalt; seine Verwunderung wurde Erstaunen, da er seinen Bettnachbar gewahrte, und er sprang bei dessen Anblick auf, gleich als ob ihn eine Schlange gestochen. Unverständliche Worte vor sich hinbrummend, und vor Kälte zitternd fuhr er in die Stiefel, und stampfte dreimal gewaltig den Boden, dass der schlafende Knabe erschrocken aufschrie, alsobald jedoch wieder in Müdigkeit und Schlummer versank. Ein langer hagrer Mensch, in der etwas zerlumpten Kleidung eines Herrenknechts, kam zur tür herein, und fragte mit winterblauen Lippen nach dem Befehl des gestrengen Herrn.

"Sag an, Vollbrecht!" fragte der Letztere: "Wie ging es denn zu, dass ich in Wamms und Krause zu Bett gekommen?" – "Euer demütiger Knecht hat Euch selbst hineingebracht;" erwiderte Vollbrecht mit ängstlichem Bückling: "Ihr littet gestern stark am Gebreste des heil. Martin, und so geschah es denn ..."

– "Still!" befahl der Herr. – "Wie komme ich aber zu dem Kind?" fuhr er kleinlaut fort.

"Der gestrenge Junker wolle sich nur gütig erinnern," – sprach Vollbrecht, ein paar Schritte ausweichend, – "wie ich Euch gestern aus der Trinkstube zum Rosengarten heimleuchtete mit dem Kienspan, den mir die rotbäckige Dorotea aufgedrungen, und wie wir im Scheibengässlein unfern von dem Eckstein, an dem das Muttergottesbild aufgerichtet, den Knaben gefunden, der da eingeschlafen war."

– "Ganz recht; ich besinne mich nun auf Alles;" erwiderte der Junker, und rieb sich die erstarrenden hände: "Was treibt aber unser Wirt, dass nicht einmal Feuer angemacht wird, bei der grimmen Kälte? Sollen wir hier erfrieren?"

"Erfrieren;" bestätigte Vollbrecht, die Türblinke zur Hand nehmend: "Erfrieren, oder uns von dannen machen; denn der Wirt will nicht länger borgen, und verlangt Zahlung unsrer Zeche."

"Nichts Billigers als das;" antwortete der Herr: "aber Verlangen ist Eins; Zahlen hingegen ein Anderes. Ich habe keinen Weisspfennig mehr in der tasche. Alles ging gestern drauf in Wein, Imbis und Brettspiel. Der alte Narr muss warten."

Vollbrecht schüttelte den Kopf. "Ich zweifle, Herr," sprach er hierauf, vorsichtig die tür öffnend. – "Der Mensch sagte mir erst vorhin, er werde nach Pferd und Zaum greifen, wenn nicht noch heute Morgen alles getilgt würde, was darauf gegangen ist in dieser Woche."

"Kreuz! Stein und Dorn!" brach der Junker los, nach der Klinge fahrend, dass Vollbrecht, – solcher Auftritte nicht ungewohnt, – sich hinter der tür barg: "was bildet er sich ein, der Wormser Lump? Streckt er eine Kralle nach meinem Gaul aus, so haue ich sie ihm ab. Gleich soll er kommen, – gleich, und auf der Stelle; ohne Säumen!"

Vollbrecht sprang die Treppe hinab. Der Junker stülpte trotzig den Hut auf den Kopf, und schritt, eine Anrede an den Herrn des Rebstocks im Sinne ordnend, ungeduldig auf und nieder. Bald erschien auch der Gerufene, das verhängnissvolle Kerbholz tragend, aus dem die ziemlich beträchtliche Schuldsumme des Gastes eingeschnitten zu sehen war.

"Wie viel beträgt meine Zeche?" fragte der Letztere barsch, als strotzten seine Taschen von Golde.

"Zwanzig Turnosen, drei Pfenninge für den Herrn, den Knecht und das Pferd