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, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie so gross als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!"

So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner Erzählung völlig heraufgekommen, auch an den äussersten Bergen war der Nebel gefallen, und was um die fernen Höhen von Asperg zog, war ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing, und die Gegenden, über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte durchschimmern liess. Angetan mit dem sanften Grün der Saaten, mit den dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit freundlichen Dörfern, mit glänzenden Burgen und Städten lag Württemberg in seiner Morgenpracht. Sein unglücklicher Fürst überschaute es mit trüben Blicken. Die natur hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte er seine Empfindungen mit, und wenn ein grosses Unglück über ihn kam, pflegte er zu schweigen und zu handeln.

Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten, festen Burg seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloss er einen grossen Schmerz in einer tapfern Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter, und fühlte nicht, wenn er den letzten blick auf die teuren, bleichen Züge, auf den verstummten Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen? Es ist die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt. Man erinnert sich, wie unendlich viel sie für uns getan, wie sie uns als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer ward, das sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie haben wir vergolten? wir waren gleichgültig gegen so viele rührende Liebe, wir glaubten, es müsse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn nicht alle unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verprassten ihr Gut, und achteten nicht auf ihre stillen Tränen.

Jetzt wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wünsche lauschte, wo diese hände unsern letzten Druck nicht mehr fühlen, diese hände, die uns mühsam nährten: jetzt bestürmen alle jene Gefühle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unsere Brust, deren eines hingereicht hätte in den vorigen Tagen, sie glücklich zu machen!

Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drükkend auf der Brust Ulerichs von Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig für ihn verloren schien. Seine edlere natur, die er oft im Gewühle eines prächtigen Hofes, und betäubt von den Einflüsterungen falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglück allein was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten Landes.

Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu seinen Freunden wandte, staunten sie über den Ausdruck seiner Züge. Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm über den Verrat seiner edlen auf seiner Stirne, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein stiller, grosser Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten.

"Marx! wie verfahren sie gegen das Landvolk?" fragte er.

"Wie Räuber", antwortete dieser; "sie verwüsten ohne Not die Weinberge, sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer, Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld, und treten nieder was die Pferde nicht fressen. Sie misshandeln die Weiber und pressen den Männern das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lasset erst den Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten Bergen keine Weinbeere wächst, wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der Bundesrat umlegen wird, bezahlen müssenda wird das Elend erst recht angehen."

"Die Buben!" rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte aus seinen Augen; "sie rühmten sich mit grossen Worten, sie kämen um Württemberg von seinem Tyrannen zu befreien, es zu enteben aller Not. Und sie hausen im land wie im Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott eine fröhliche Urständ gebe, und seine Heiligen gnädig sein wollen meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will kommen und mähen und Garben schneidenin ihren Gliedern, ich will kommen mit schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut verzapfen. Ich will rächen was sie an mir und meinem Land getan, so mir der Herr helfe."

"Amen!" sprach der Ritter vom Lichtenstein. "Aber ehe Ihr hereinkommt, müsst Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land.

Es ist keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefährdet entkommen wollet."

Der Herzog sann eine Weile nach, und antwortete dann: "Ihr habt recht, ich will nach Mömpelgard; von dort aus will ich sehen ob ich so viele Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her du treuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung. Du weisst nicht was es heisst, die Treue brechen