den er auf dem rücken getragen, ab, riss das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf, und stand nun als ein untersetzter, starkgebauter Mann, mit offenen, kräftigen Zügen vor ihnen.
"Marx Stumpf!" rief der Geächtete mit dumpfer stimme, "wozu diese finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft! nicht wahr, sie wollen uns das Pförtchen öffnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den letzten Mann?"
Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten blick auf ihn. "Machet Euch auf Schlimmes gefasst, Herr!" sagte er. "Die Botschaft ist nicht gut, die ich bringe."
"Wie", entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über seine Wangen flog, und die Ader auch seiner Stirne sich zu heben begann; "wie, du sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht möglich; sieh dich wohl vor, dass du nichts Übereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von dem du sprichst."
"Und dennoch sage ich es", antwortete Schweinsberg, indem er einen Schritt weiter vortrat; "im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich es sagen, sie sind Verräter."
"Du lügst!" schrie der Vertriebene mit schrecklicher stimme. "Verräter, sagst du? Du lügst. Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha! gestehe, du lügst."
"Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der seinen Herrn verlässt. Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land verloren, Herr Herzog! Tübingen ist über."
Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob und senkte sich, als suche sie vergeblich nach Atem und seine arme zitterten.
Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm. Vor allen Georgs, denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es selbst, es war Ulerich von Württemberg! In einem schnellen Fluge zog es an seiner Seele vorüber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen, wie er ihn tief in der Erde Schoss besuchte, welche Worte jener zu ihm gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, dass er nicht längst schon von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.
Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hörte nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen Hundes, der sein Unglück zu kennen und zu teilen schien. Endlich winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulerich, sie fassten sein Gewand und Schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie nahte sich jetzt mit unsicheren zagenden Schritten, sie legte ihre schöne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn bange an, sie fasste sich endlich ein Herz und flüsterte: "Herr Herzog! hie ist noch gut Württemberg alleweg!"
Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepressten Brust, aber seine hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck dieses Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu sprechen: "Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen? Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!"
Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulerich von Württemberg. Sei es dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengrösse, Trotz und wahrer Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen den Namen des "Unerschrockenen" erwarb – er zeigte sich von diesem Augenblick an, seines Namens würdig.
"Das war das rechte Wort, mein junger Freund", sprach er zur Verwunderung aller mit fester stimme, indem er seine hände sinken liess, sein Haupt stolzer aufrichtete, und das alte, kriegerische Feuer aus seinen Augen loderte, "das war das rechte Wort. Ich danke dir, dass du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher, Marie!"
"Es war letzten Donnerstag, dass ich Euch verliess", hob der Ritter an; "Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgültig einen Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in ihrem Leben nicht gesehen, und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten hatte, trank mit mir, als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem rücken getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke."
Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen munterer als man bei so grossem Unglück hätte denken sollen, fragte er: "Nun Georg, du hast ihn gesehen; sah er so recht aus wie ein schäbiger, filziger Krämer? Wie?"
"Ich denke er hat seine