er schon ein übriges tun. Er schenkte sich seinen Becher wieder voll und begann: "Nicht wahr, Herr Nachbar, das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack? Freilich ist es kein Würzburger, wie Ihr ihn in Franken gewohnt sein werdet, aber es ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre alt."
Verwundert über diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und antwortete mit einem kurzen "Ja, ja –" der Nachbar liess aber den einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen. "Es scheint", fuhr er fort, "als mund er Euch doch nicht ganz, aber da weiss ich Rat. Heda! gebt eine Kanne Uhlbacher hieher. – Versuchet einmal diesen, der wächst zunächst an des Württembergers Schloss; in diesem müsst Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, grossen Sieg!"
Georg, dem dieses Gespräch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar auf einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen Nachrichten führen konnte: "Ihr habt", sprach er, "schöne Mädchen hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu bemerken."
"Weiss Gott", entgegnete der Ulmer, "man könnte damit pflastern."
"Das wäre vielleicht so übel nicht", fuhr Georg fort, "denn das Pflaster Eurer Strassen ist herzlich schlecht. Aber sagt mir, wer wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker, wenn ich nicht irre, schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten."
"Habt Ihr diese auch schon bemerkt?" lachte jener, "wahrhaftig, Ihr habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner. Das sind meine lieben Basen mütterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die andere ein fräulein von Lichtenstein, eine Württembergerin, die auf Besuch dort ist."
Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen Verwandten Mariens zusammenführte. Er beschloss den Zufall zu benützen, und wandte sich so freundlich er nur konnte, zu seinem Nachbar: "Ihr habt ein paar hübsche Mühmchen, Herr von Besserer..."
"Dieterich von Kraft nenne ich mich", fiel er ein, "Schreiber des Grossen Rates –"
"Ein paar schöne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besuchet sie wohl recht oft?"
"Ja wohl", antwortete der Schreiber des Grossen Rates, "besonders seit die Lichtenstein im haus ist. Zwar will mein Bäschen Berta etwas eifersüchtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein Herz und eine Seele, aber ich tue als merke ich es nicht, und stehe mit Marien um so besser."
Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen, denn er presste die Lippen zusammen und seine Wangen färbten sich dunkler.
"Ja lachet nur", fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte Geist des Weines zu kopf stieg, "wenn Ihr wüsstet, wie sie sich beide um mich reissen. Zwar – die Lichtenstein hat eine verdammte Art freundlich zu sein, sie tut so vornehm und ernst, dass man nicht recht wagt, in ihrer Gegenwart Spass zu machen, noch weniger lässt sie ein wenig mit sich schäkern wie Berta, aber gerade das kommt mir so wunderhübsch vor, dass ich eilfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal fortgeschickt hat. Das macht aber", murmelte er nachdenklicher vor sich hin, "weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie sich, lasst nur den einmal über der Ulmer Markung sein, so soll sie schon kirre werden."
Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das Geräusch der Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt, wie sie in schleppendem, einförmigem Ton ein paar kurze Sätze hersagten, ohne zu verstehen was es war. Jetzt hörte er dieselben Stimmen ganz in der Nähe, und bald bemerkte er welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze waren. Es gehörte nämlich in den guten alten zeiten, besonders in Reichsstädten zum Ton, dass der Hausvater und seine Frau, wenn sie Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden, und bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen Sprüchlein zum Essen und Trinken zu nötigen.
Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, dass der Hohe Rat beschloss, auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern ex officio einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu üben. Die Wahl fiel auf den Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.
Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel "nötigend" umgangen, kein Wunder, dass ihre Stimmen durch die grosse Anstrengung endlich rauh und heiser geworden waren, und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie Drohung klang. Eine rauhe stimme tönte in Georgs Ohr: "Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Erschrocken wandte sich der Gefragte um, und sah einen starken, grossen Mann mit rotem Gesicht – ehe er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte, begann an seiner andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dünnen stimme:
"So esset doch und trinket satt
was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."
"Hab ich's doch schon lange gedacht, dass es so kommen würde", fiel der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.
"Da sitzt er und schwatzt