suchte einigemal Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen, und so das alte Verhältnis wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war zu voll, die Amme ihr zu verdächtig, als dass sie etwas gesagt hätte. Als daher der geächtete Ritter nächtlicherweile ins Schloss kam, als das fräulein so geheimnisvoll speisen für ihn bereitete und, wie Frau Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins Geheimnis gezogen wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, dass er jenen Worten traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins, wusste er ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich gestaltet habe.
Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution dafür erhalten und war mit so viel leichterem Herz und Gewissen auf den Lichtenstein zurückgekehrt, als sie vorher schwer und unter der Last der Sünden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kämmerlein hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hörte sie ihr fräulein und eine tiefe Männerstimme heftig miteinander sprechen, es wollte ihr sogar bedünken, ihr fräulein weine.
"Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?" dachte sie; die natürliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge und Ohr ans Schlüsselloch und sie vernahm in abgebrochenen Worten den Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind.
Der junge Mann hatte die tür so rasch geöffnet, dass sie nicht mehr Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen konnte. Doch sie wusste sich zu helfen in solchen misslichen Fällen, sie liess Georg nicht an sich vorüber, liess beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die hände des jungen Mannes und überströmte ihn mit einem Schwall von Worten:
"Ei, du meine Güte! hätt ich glaubt, dass meine alten Augen den Junker von Sturmfeder noch schauen würden. Und ich mein, Ihr sind noch schöner worden und grösser, seit ich Euch nimmer sah! Hätt ich das gewusst! Steh da wie ein Stock an der Tür, denke, ei! wer spricht jetzt mit der gnädigen fräulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten ist's auch keiner! Ei was man nicht erlebt! jetzt ist's der Junker Georg, der da drin spricht!"
Georg hatte sich während dieser Reden der Frau Rosel vergeblich von ihr loszumachen gesucht. Er fühlte, dass es sich nicht gezieme, vor ihr zu zeigen, dass er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen Faust der Alten, aber indem er sie frei fühlte, hatte sie auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels höhnisches Lächeln zu achten, an ihr Herz gedrückt; er war bei dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fühlte seinen Unmut schwinden, er fühlte, dass es Marie nicht so bös mit ihm gemeint habe – wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurückkehren? wie sollte er so ganz ungekränkt scheinen? Wäre er mit Marien allein gewesen, so war es vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen Händedruck, durch einen blick erweichen lassen und gefangengeben? Er schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich selbst schämte, und wir haben gehört, dass dieses Gefühl der Scham, die Ungewissheit, wie man, ohne zu erröten, zurückkehren könne, schon oft aus einer kurzen Trennung in Unmut, eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse gebrochen habe.
Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborne Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen war. Sie fasste die Hand des Junkers fester: "Ihr werdet uns doch nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem Ihr kaum ein Stündchen auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen, lässt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht begrüsst?"
Es war schon ein grosser Gewinn für Mariens Sache, dass Georg sprach: "Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir zusammen leerten."
"Nun?" fuhr die Alte fort, "da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm Abschied genommen haben?"
"Nein, ich sollte ihn im Schloss erwarten."
"Ei, wer wird dann gehen wollen", sagte sie, und drängte ihn sanft in das Zimmer zurück; "das wär mir eine schöne Sitte. Der Herr könnte ja wunder meinen, was für einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei Tag kommt", setzte sie mit einem stechenden blick auf das fräulein hinzu, "wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich nicht wegschleichen wie der Dieb in der Nacht."
Marie errötete und drückte die Hand des