1827_Hauff_033_81.txt

, ich wiederhole es, Herr von Sturmfeder! so habt Ihr mich nie geliebt; ein Mann muss sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er muss fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so muss er auch glauben."

"Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient", sagte der junge Mann, indem er unmutig aufsprang; "wohl bin ich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten –"

"Es könnte sein!" flüsterte sie, doch nicht so leise, dass es sein Ohr nicht erreichte, und seinen Unmut zum Zorn anblies.

"Auch du wirst mich also darum verachten, und doch bist du es, was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer Seite gesucht, ich war selig als ich dich dort fand. Du batest mich davon abzulassen, ich ging; ich tat noch mehr; ich kam zu euch herüber, es kostete mich beinahe das Leben, und doch liess ich mich nicht abschrecken; ich ergriff Württembergs Partei, ich kam zu deinem Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, dass ich sein Freund gewordenaber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin und her bewegt wird! aber noch einmal will ich michzum letztenmal von dir bewegen lassen; ich will fort, weil du meine Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!"

Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein Barett und wandte sich zur tür.

"Georg!" rief Marie mit den süssesten Tönen der Liebe, indem sie aufsprang und seine Hand fasste; ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des Unmuts war verschwunden, selbst die Tränen hemmten ihren Lauf, und nur bittende Liebe blickte aus ihrem Auge, "um Gottes willen, Georg! ich meinte es nicht so böse; bleibe bei mir, siehe ich will alles vergessen, ich schäme mich, dass ich nur so unwillig werden konnte."

Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besänftigen, er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln gewonnen zu werden, denn sein Entschluss stand fest, das Schloss zu verlassen. "Nein!" rief er; "du sollst das Rohr nicht mehr zurückwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie du seinen Gast aus seinem haus vertrieben hast"; die runden Fensterscheiben zitterten vor seiner stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriss seine Hand der Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er riss die tür auf, um auf ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte, die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden.

IX

Herrengunst, Aprillenwetter,

Frauenlieb und Rosenblätter,

Würfel, Karten, Federspiel,

Verkehren sich oft, wer's glauben will.

Altes Sprichwort

Als Georg die tür öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von früher Jugend an in einer Familie bleiben, sich einbürgern, in die Familie verwachsen und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden. Sie hatte ihre Nützlichkeit besonders nach dem tod der Frau von Lichtenstein erprobt, wo sie Marie mit grosser Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauten avanciert. Sie hatte aber wie ein kluger Feldherr sich den rücken gesichert, sie hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren Stellen vorgerückt war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie sie behauptete, mit grosser Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst niemand verstehe. Sie hatte durch dieZügel der häuslichen Regierung an sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem blick und sie gab zu verstehen, dass sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine ganze Gnade nur darin bestand, dass er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte.

Mit dem fräulein lebte sie in neuern zeiten nicht mehr im besten Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr ganzes Vertrauen besessen; noch in Tübingen war sie wenigstens halb ins Geheimnis ihrer Liebe gezogen und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen Anteil an allem, was ihr fräulein betraf, dass sie gesagt hätte: "Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste, oderuns will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen."

Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das fräulein bemerkte, dass Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur, dass sie sogar von ihrem Verhältnis zu Georg geplaudert habe. Sie war daher von jetzt an kälter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte den Augenblick, warum dies so geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen Rock von Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben musste, da wurde die Kluft noch weiter, denn die Alte glaubte, das fräulein habe es beim Vater dahin gebracht, dass sie nicht nach Ulm mitreisen dürfe.

Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurückkehrte. Frau Rosel zwar, die gerner mit der herrschaft als dem Gesinde lebte,