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bei weitem mehr als sie nur antworten konnten. Es gab Augenblicke wo sie, wie aus einem Traum erwach, sich ansahen, sich überzeugen mussten, ob sie denn wirklich sich wieder haben?

"Wie viel habe ich um dich gelitten", sagte Marie, und ihre Wangen straften sie nicht Lügen, "wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm scheiden musste. Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung, dich so bald wiederzusehen? – und dann, wie mir Hanns die Nachricht brachte, dass du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest, aber du seiest überfallen, verwundet worden, das Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, konnte dich nicht pflegen!"

Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht zurückdachte, wie füllte er sich so klein und schwach Mariens zarter Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen, er erzählte, oft unterbrochen von ihren fragen, wie sich alles so gefügt habe, wie er dem Bunde abgesagt, wie er über die Alb gezogen sei, wie er überfallen worden, wie er der Pflege der Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.

Georg war zu ehrlich, als dass ihn Mariens fragen nicht hin und wieder in Verlegenheit gesetzt hätten; besonders als sie mit Verwunderung fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein aufgebrochen sei, wusste er sich nicht zu raten. Die schönen, klaren Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, dass er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte.

"Ich will es nur gestehen", sagte er mit niedergeschlagenen Augen, "die Wirtin in Pfullingen hat mich betört, sie sagte mir etwas von dir, was ich nicht mit Gleichmut hören konnte."

"Die Wirtin? von mir?" rief Marie lächelnd; "nun was war denn dies, dass es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?"

"Lass es doch! ich weiss ja, dass ich ein Tor war. Der geächtete Ritter hat mich ja schon längst überzeugt, dass ich völlig unrecht hatte."

"Nein, nein", entgegnete sie bittend, "so entgehest du mir nicht; was wusste die Schwätzerin wieder von mir; gestehe nur gleich –"

"Nun lache mich nur recht aus; sie erzählte: du habest einen Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg."

Marie errötete; Unwille und die Lust über diese Torheit zu lachen, kämpften in ihren schönen Zügen. "Nun, ich hoffe" sagte sie, "du hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du könntest unser Schloss noch erreichen und hier übernachten?"

"Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiss nicht, aber deine Amme, die alte Frau Rosel wurde aufgeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie hatte mich selbst mit ins Spiel gebracht und bedauert, dass ich um meine Liebe betrogen sei, da – o sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht bös! Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloss herauf, um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben."

"Das konntest du glauben", rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren Augen. "Dass Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie ist ein altes Weib, klatscht gerne; dass die Frau Wirtin solche Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht übel, denn sie weiss nichts Besseres zu tun; aber du, du Georg konntest nur einen Augenblick so arge Lügen glauben, du wolltest dich überzeugen, dass –" von neuem strömten ihre Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre stimme.

Georg zürnte sich selbst, dass er so töricht hatte sein können, aber er fühlte auch, dass wenn er ein grosses Unrecht an der Geliebten begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. "Verzeihe mir nur diesmal", bat er; "siehe, wenn ich dich nicht so liebgehabt hätte, ich hätte gewiss nicht geglaubt; aber wenn du wüsstest, was Eifersucht ist!"

"Wer recht liebt kann gar nicht eifersüchtig sein", sagte Marie unmutig; "aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon damals hat es mich recht tief betrübt. Aber du kennst mich gar nicht, wenn du mich recht gekannt hättest, wenn du mich geliebt hättest wie ich dich, wärest du nie auf solche Gedanken gekommen."

"Nein! ungerecht musst du doch nicht werden", rief Georg und fasste ihre Hand; "wie kannst du mir vorwerfen, dass ich dich nicht liebe, wie du mich? hätte es denn nicht möglich sein können, dass ein Würdigerer als ich erschienen, dass der arme Georg durch irgendeinen bösen Zauber aus deinem Herzen verdrängt worden wäre; es ist ja doch alles möglich auf der Erde!"

"Möglich?" unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte, schien sie allein zu beseelen. "Möglich? wenn Ihr nur einen Augenblick so Arges von mir für möglich gehalten hättet