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nicht jeder Privatmann war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen Stücken zu versehen.

Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock, wo ein überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von Lichtenstein und seinen Gast aufnahm. Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem saal entfernten.31

VIII

–Und der Graf, gerührt von solches

Hohen Opfers hohem geist

Bei der Freude süsser Regung,

Kann der Freundschaft mildem Taue

Der durchs Herz ihm, der durchs Auge

Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.

P. Conz

Als die beiden Männer in dem weiten saal von Lichtenstein allein waren, trat der Alte dicht vor Georg hin, und schaute ihn an, als messe er prüfend seine Züge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus seinen Augen, die Melancholie seiner Stirne war verschwunden, er war heiter, fröhlich sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfängt, der von langen Reisen zurückkehrt. Endlich stahl sich eine Träne aus seinem glänzenden Auge, aber es war eine Träne der Freude, denn er zog den überraschten Jüngling an sein Herz.

"Ich pflege nicht weich zu sein", sprach er nach dieser feierlichen Umarmung zu Georg, "aber solche Augenblicke überwinden die natur, denn sie sind selten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen? trügen die Züge dieses Briefes nicht? ist dieses Siegel echt und darf ich ihm glauben? dochwas zweifle ich! hat nicht die natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirne gedrückt? sind die Züge nicht echt, die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? nein, Ihr könnet nicht täuschendie Sache meines unglücklichen Herrn hat einen Freund gefunden!"

"Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, so habt Ihr recht gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden. Der Ruf bezeichnete mir längst den Herrn von Lichtenstein, als einen treuen Freund des Herzogs, und ich wäre vielleicht auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes, der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen."

"Setzet Euch zu mir, junger Freund", sagte der Alte, dessen Augen immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen schienen; "setzet Euch hier und höret was ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute ihre Farbe ändern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, dass man die Überzeugung eines jeden ehren müsse, und dass ein Mann, wenn er nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei, weil er anderer Meinung ist, als wir. Aber wenn man seine Farbe mit so uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von Sturmfeder, wenn man dem Glück den rücken kehrt, um sich an das Unglück anzuschliessen, da hat die Änderung grossen Wert, denn sie trägt das Gepräge einer edlen Tat an der Stirne."

Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der Lichtensteiner seine uneigennützigen Absichten pries. War es denn nicht auch die schöne Tochter, was ihn zu der Fahne des Vaters führte? Und musste er nicht in der achtung dieses Mannes sinken, wenn über kurz oder lange dieses Motiv seines Übertrittes ans Licht kam? "Ihr seid zu gütig", antwortete er; "die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, dass mein Übertritt zu Eurer Sache zwar zum teil von dem empörten Gefühl des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen irdischeren Beweggrund geben, Herr Ritter; und ich möchte nicht, dass Ihr mich für zu gut hieltet, es würde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher ungünstiger von mir urteiltet."

"Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr", entgegnete der Herr des Schlosses, und drückte seinem Gast die Hand. "Doch traue ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch will ich kühn behaupten, dass, wenn Euch auch noch eine andere Absicht leitet, als das Gefühl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte sein kann. Wer Schlechtes im Schilde führt, ist feig, und wer feig ist, wagt es nicht, den Truchsess, den Herzog von Bayern und den Schwäbischen Bund vor den Kopf zu stossen und so aufzutreten, wie Ihr aufgetreten seid."

"Was wisset Ihr von mir", rief Georg mit freudigem Erstaunen; "habt Ihr denn je von mir gehört vor diesem Augenblick?"

Der Diener, welcher bei diesen Worten die tür öffnete, unterbrach die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret und volle Becher vor Georg hin, und schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink seines Herrn entfernte ihn aufs neue. "Verschmähet diesen Morgenimbiss nicht", sagte er zu dem jungen Mann; "den ersten Becher sollte zwar die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an ihrer Stelle das Hauswesen versiehet, ist ins Dorf hinabgegangen, um am hohen Feste eine Predigt zu hören und die Messe. Nun, Ihr fragtet mich, ob ich noch nie von Euch gehört hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit, als Ihr in Ulm einrücktet, in jener Stadt