Und ob mein Herz darüber bricht,
So sollen meine Feinde sagen:
Er war ein Mann und wankte nicht."
Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden Tönen seines Liedes nachsandte, liess ahnen, dass er im Gesang nicht viel Trost gefunden habe. Dem rauhen mann von Hardt war während dem lied eine grosse Träne über die gebräunte Wange gerollt, und Georg war es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung wieder zu erhalten und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirne und ein ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen hinan, der zu der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich, dass er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit einem tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte die Hälfte des Felsen wieder herab und liess sich die fackeln geben, die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand erklimmen, was ihm ohne diese hülfe schwerlich gelungen wäre. Er war oben und wenige Schritte noch so stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.30
VI
–In wunderbaren Gestalten
Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein
Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen
Spalten
Herabnickt und im Widerschein
Als grünes Feuer brennt. Mit furchtvermengtem Grauen
Bleibt unser Ritter stehen, den Zauber anzuschauen.
Wieland
Der teil jener grossen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern. Er war von Sandstein und hatte, weil dieser Stein die Feuchtigkeit einschluckt, ein trockenes wohnlicheres Ansehen. Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht auf die Breite und den grössten teil der Länge dieser Grotte. Gegenüber sass jener Mann auf einem breiten Bärenfelle, neben ihm stand sein Schwert und ein Hüftorn; ein alter Hut und der graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem, blauem Tuche. Ein unscheinbarer Anzug, der aber seinen kräftigen Körperbau und seine feinen edlen Züge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr vierunddreissig Jahre haben, und sein Gesicht war noch immer hübsch und angenehm zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von Gefahren und Strapazen abgestreift schien, und der verwilderte Bart ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte stillstand.
"Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!" rief der Bewohner der Höhle, indem er sich von dem Bärenfelle aufrichtete, dem Jüngling die Hand bot, und ihm winkte, auf einem ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. "Seid herzlich willkommen; es war kein übler Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt herabzuführen, und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen. Hanns! du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus, Truchsess und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem Kellermeister und Obermundschenk; siehe, dort hinter jener Säule des schönsten Granit muss ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir jetzt führen, giess ihn voll bis an den Rand, und kredenze ihn unserm ehrenwerten Gast."
Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte nach dem Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehört hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde; und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm überfallen, und genötigt eine kleine Weile in dieser Höhle Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer Sturm, als der furchtbarste Orkan der natur, der ihn aus der Burg seiner Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte wild, das gegen die Geschosse der mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht fand!
"Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast", sagte der Ritter, als Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken mass, "vielleicht habt Ihr erwartet, dass ich Euch etwas weniges vorjammern werde? Aber über was soll ich klagen? Mein Unglück kann in diesem Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, dass man heitere Miene zum bösen Spiele macht. Und saget selbst, wohne ich hier nicht wie Fürsten selten wohnen. Habt Ihr meine Hallen gesehen, und die weiten Säle meines Palastes? glänzen nicht ihre Wände wie Silber? wölben die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt? werden sie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen, und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hanns, mein Obermundschenk, mit dem Weine; sprich mein Getreuer! ist das all unser Getränk, was in diesem Becher ist?"
"wasser so klar als Kristall hat Eure wohnung", sprach der Pfeifer, der mit der heiteren Laune seines gefährten schon vertraut war, "aber auch ein Restchen Wein, das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im Krug und – nun wir haben ja heute einen Gast, und können schon etwas draufgehen lassen – ich will es