. Der Alte bleibt bei dem geächteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen und getrunken, und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat, verlässt er das Schloss, wie er es betreten."
"O ich Tor! dass ich dies alles nicht früher ahnete. Wie nahe lag die Wahrheit und wie weit liess ich mich irreleiten. Aber verflucht sei die Neugierde und Lästersucht dieser Weiber, die in allem noch etwas ganz Besonderes zu sehen glauben, und denen das Unwahrscheinlichste und Grellste gerade das Liebste ist! – Aber sprich", fuhr Georg nach einigem Nachsinnen fort; "auffallend ist es mir doch, dass dieser geächtete Mann alle Nacht ins Schloss kommt; in welch unwirtlicher Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weines und keinen warmen Ofen findet? – Höre, wenn du mich dennoch belögest!"
Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen Ausdruck auf dem jungen Mann. "Ein Junker wie Ihr", antwortete er, "weiss freilich wenig wie weh Verbannung tut; Ihr wisst es nicht was es heisst, sich vor den Augen seiner Mörder verbergen, Ihr wisst nicht, wie schaurig sich's in feuchten Höhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk dem gewähre, der bei den Eulen speist und bei dem Schuhu in der Miete ist; aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der Morgen bricht noch nicht an, und in der Nacht könnet Ihr nicht nach Lichtenstein, ich will Euch dahin führen, wo der geächtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht!"
Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr aufgeregt, als dass er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von Hardt angenommen hätte, besonders auch da er darin den besten Beweis für die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte. Sein Führer ergriff die Zügel des Rosses und führte es einen engen Waldweg bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen blick nach den Fenstern des Lichtenstein zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm zu sein, denn er machte keinen Versuch es zu unterbrechen. Er hing seinen Gedanken nach über den Mann, zu dessen geheimnisvoller wohnung er geführt wurde. Unablässig beschäftigte ihn die Frage, wer dieser Geächtete sein könnte. Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum, dass mehrere Anhänger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge zu Pfullingen, während seines teilnahmlosen Hinbrütens, von einem Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die Bündischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Stärke dieses Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg die zwar nicht überaus grosse, aber kräftige Gestalt, die gebietende Miene, das heldenmütige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedächtnis zurückrief, ward es ihm immer mehr zur Gewissheit, dass der Geächtete kein anderer, als der treueste Anhänger Ulerichs von Württemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg sei.
Besonders schmeichelhaft für die Phantasie des jungen Mannes war auch der Gedanke, einen gefährlichen gang mit diesem Tapfern gemacht, und in einem Gefechte seine Klinge mit der seinigen gemessen zu haben, dessen Ausgang zum wenigsten sehr unentschieden war.
So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, längst wieder in seine Rechte eingesetzt war, und seinem Hüftorn wieder Hunderte folgten, rechnete er es unter seine schönsten Waffentaten, dem tapfern, gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu sein.
Die Wanderer waren während diesem Selbstgespräch des jungen Mannes auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das Pferd seitwärts an, und winkte Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in eine schroffe, mit dichtem Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zurück, hinter welchen ein schmaler Fusspfad sichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht ohne Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm an einigen Stellen kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fuss hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst suchte der junge Mann nach der Stätte des geächteten Ritters. Der Pfeifer ging nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein musste, denn jener brachte zwei grosse Kienfakkeln daraus hervor; er schlug Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die fackeln an.
Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, dass sie vor einem grossen Portal stehen, das die natur in die Felsenwand gebrochen hatte; und dies mochte wohl der Eingang zu der wohnung sein, wo der Geächtete, wie sich der Pfeifer ausdrückte, bei dem Schuhu zur Miete war. Der Mann von Hardt ergriff eine der Fakkeln und bat den Jüngling, die andere zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel, und hie und da nicht ohne Gefahr. Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran in das dunkle Tor.
Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte in seiner Kindheit aus dem mund eines Knappen, dessen Urgrossvater in Palästina in Gefangenschaft geraten war, ein