ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet; es war ihr ganz angst dabei geworden, denn geradeso hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er das Zeitliche gesegnete, und ihr den goldenen Hirsch hinterliess.
Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem Lederrücken gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder sei er verliebt bis über die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptungen mit einer schrecklichen geschichte von einem jungen Ritter, den sie gesehen, und der auch aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.
Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung; er glaubte, dem jungen Mann sei vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt oft im Kriege vorkomme, und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal nach dem stummen Gast im Erker hinauf, und fragte dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewächs und Jahrgang der Ritter trinke?
"Nun ich hab ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was der Goldene Hirsch hat."
"Da haben wir es!" rief der kluge Mann; "ich kenn den Heppacher Achtz'ger, den kann solch ein Junkerlein nicht führen, und der ist ihm zu Kopf gestiegen. Lasst ihn sitzen, lasst ihn immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlägt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der fisch im wasser."
Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn, und fand seine Vermutung am wahrscheinlichsten.
Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste hatten schon alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum Abendsegen rüsten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gänge durchs Zimmer, und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er sah düster und verstört aus, und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt, hatten seinen sonst so freundlichen offenen Zügen tiefe Spuren des Grames eingedrückt.
Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk des klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen, und ihm dann ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien für diese Nacht ein rauheres Lager sich erwählt zu haben.
"Wann sagt Ihr", hub er mit leiser, unsicherer stimme an, "wann geht der nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurück?"
"Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke."
"Lasset mein Pferd satteln, und besorget mir einen Knecht, der mich nach Lichtenstein geleite."
"Jetzt in der Nacht?" rief die Wirtin, und schlug vor Verwunderung die hände zusammen. "Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch, Ihr treibt Spass mit mir."
"Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet Euch ein wenig, ich habe Eile."
"Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt", entgegnete jene; "und jetzt wollt Ihr auf einmal über Hals und Kopf in die Nacht hinaus. Zwar die frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken; aber weiss Gott Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall, Ihr könnt mir herunterfallen oder allerlei Unglück anrichten, und dann hiesse es, wo hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt, dass sie die Leute so laufen lässt."
Der junge Mann hatte ihre Rede ganz überhört, denn er war wieder in sein düsteres Sinnen zurückgesunken; als sie aufhörte zu sprechen schrak er auf und wunderte sich, dass sie seinen Befehl noch nicht befolgt habe.
Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu besorgen; da gedachte sie, dass sie doch keine Gewalt habe, ihn zurückzuhalten und dass es geratener sein möchte, ihn ziehen zu lassen. "Lasset dem Herrn seinen Braunen herausführen", rief sie, "und der Andres soll sich rüsten, heute nacht noch ein Stück Weges zu gehen! – Er hat recht, dass er jemand mitnehmen will", sprach sie für sich weiter; "der kann ihn doch im Notfall halten; zwar sagt man, sie haben ein paar Sinne mehr, wenn sie etwas im Kopf haben, und es falle keiner so leicht vom Pferd, wenn er auch hin und her schwankt, wie der Schwingel in der grossen Glocke, aber besser ist besser. – Was Ihr schuldig seid, Herr Ritter? nun Ihr habt gehabt eine Mass Alten, macht zwölf Kreuzer, und das Essen – nun, es ist nicht der Rede wert, was Ihr gegessen habt; Ihr habt ja mein Huhn kaum angesehen. Nun, wenn Ihr für den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen wollt, so wird Euch eine arme Witfrau schön danken."
Nachdem die Rechnung in dem niederen Münzfuss der guten, alten zeiten berichtigt war, entliess die Wirtin zum goldenen Hirsch ihren Gast; sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er herrlich wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war, aber dennoch konnte sie sich nicht verhehlen, als er beim Schein der Kienfackeln sich aufs Pferd schwang, dass sie nicht leicht einen schöneren Mann gesehen habe, und sie schärfte daher ihrem Knecht, der