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Herzog zu sprechen. Andere sagen auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und Frau Sabina, und habe nur deswegen den Hund übernommen, weil er dadurch ins Schloss kam."

"So? mit dem Hutten hat er es gehalten?" sagte einer der Bürger. "Das hätten wir wissen sollen, so hätten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem Lumpendoktor! Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld, mit seiner Liebelei, und der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen."

"De mortuis nil nisi bene; man muss die Toten schonen, sagen die Lateiner", entgegnete der fette Herr; "der arme Teufel hat es mit dem Leben teuer genug bezahlt."

"Aber es ist ihm recht geschehen", rief jener Bürger mit grosser Hitze; "an des Herzogs Stelle hätte ich's gerade auch so gemacht, ein jeder Mann muss sein Hausrecht wahren."

"Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?" fragte der fette Herr mit überaus schlauem Lächeln, "da habt Ihr die beste gelegenheit; ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr seinen Leichnam hängen könnet."

Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen, belehrte den Gast im Erker, dass jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem eigenen haus nicht so ganz strenge Justiz üben müsse. Er errötete und murmelte einige unverständliche Worte in seinen Becher hinein.

Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich seiner an: "Ja wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hätte den Hutten auf der Stelle hängen können, ohne dass er erst mit ihm focht, er ist ja Freischöff vom westfälischen Stuhl, vom heimlichen Gericht, und darf einen solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun. Und er hatte die besten Beweise gleich bei der Hand; kennt Ihr das schöne Liedlein? Ich will einmal ein paar Verse daraus singen:

Und im Wald er sich zum Hutten wandt:

'Was flimmert dort an deiner Hand?'

'Herr Herzog 's ist ein Ringelein

Das hab ich von meiner Liebsten fein.'

'Ei Hanns, du bist ein stattlich Mann

Hast auch ein gülden Kettlein an!'

'Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,

Zum Zeichen, dass sie mein gedenkt.'

Dann heisst es weiter:

O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,

Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,

O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,

Er reisst das Schwert schon aus der Scheid –"

"Lasst es lieber gut sein", unterbrach ihn der fette Herr mit ernster Miene; "es ist nicht gut, dass man in solchen zeiten dies Lied in der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr nützen, und die Bündischen sind rings um uns; es könnte leicht einer etwas davon hören", setzte er mit einem stechenden blick auf Georg hinzu, "und dann hiesse es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden Brandsteuer mehr."

"Weiss Gott, Ihr habt recht", sagte der Zerlumpte; "es ist nicht mehr wie früher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim Wein in der Trinkstube; da muss man immer umschauen ob nicht dort ein Herzoglicher, und auf der andern Seite ein Bündler sitzt; aber den letzten Vers will ich noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund:

Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,

Gar breit in den Ästen und hoch gestalt't;

Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn:

Dort hing der Herzog den Hutten dran."

Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster herab, und Georg glaubte zu bemerken, dass sie über ihn ihre Glossen machen. Auch die freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen sie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie setzte die speisen, die sie ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch über den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr bescheiden, über das Woher? und Wohin?

Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen Zweck seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gespräch der Gäste an der langen Tafel hatte ihn belehrt, dass es hier nicht minder gefährlich sei, zu gar keiner Partei zu gehören, als sich für irgendeine bestimmt zu erklären, er sagte daher, er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden, als dass sie sich den Ort wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen lassen. Es schien ihm aber eine gute gelegenheit, sich nach Marien zu erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirtin zum goldenen Hirsch, auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides beschreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen.

Die Wirtin schwatzte gerne; sie gab ihm in weniger als einer Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte tiefer Atem bei diesem Namen, und Schob die Schüssel weit hinweg, um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen.

"Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil,