schaute stolz in dem Kreise umher, als wolle er in den Mienen seiner Zuhörer den gerechten Beifall lesen.
"Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen", sagte der Zerlumpte, "so fein kann ich's nicht, aber doch weiss ich auch ein neues Lied, und will es mit Eurem Verlaub singen."
Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber nickten ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb zuschloss, aber doch hin und wieder auf den langen Mann hinüberschielte, als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:28
"O weh, wo bleibet deine Kraft,
Württemberg, du arme Landschaft;
Ich klag dich billig hart und sehr,
Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.
Der zu Nürnberg die Wetschger macht,
Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,
Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,
Von Ravenspurg die Krämer all.
Von Rottweil die neuen Schweizerknaben
Wollten der Gans auch ein Feder haben,
Und der Schneider von Memming ist in der sache
Und auch der Kürschner von Biberach."
Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten über den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blikke auf die Gesellschaft; man war ungewiss, ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete, oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit, und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.
Der Sänger mit dem ledernen rücken fuhr fort:
"Den Saymer von Kempten ich euch meld
Und Holzhauer von dem Herdtfeld
Und andere, die ich nit nennen will
Der Haufen ist gross und wird gar zu viel.
Und auch der ist in dem Strauss,
Der richt' alles mit Ungeld aus,
Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind
Des reichen Barchetwebers Kind."
"Dass Euch der Kuckuck in den Hals fahr! Ihr Lumpenhund", fuhr der lange Mann auf, als er die letzten Worte hörte; "ich weiss wohl, wen Ihr mit dem Barchetweber meint; meinen gnädigen gönner den Herrn von Fugger. Den soll mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?" Er begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienespiel, und mit schrecklicher Gebärde.
Doch der mit dem ledernen rücken liess sich nicht einschüchtern; er stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte: "Den Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr Calmus, man weiss wohl wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so will ich Euch Eure Rührlöffelarme vom Leib schlagen."
Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, dass er in so gemeine Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen Schrittes aus der Trinkstube.
IV
Weh mir, ich habe die natur verändert.
Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin.
Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
Schiller
Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gäste erstaunt einander an; es war ihnen zumut, als hätten sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als ob die Erde bersten wollen, ja, als wäre ein erschrecklicher, tötender Blitz auf sie herabgefahren, und siehe da, es war nur ein "kalter Schlag". Dem Mann mit dem Lederrücken dankten sie, dass er den ungezogenen, übermütigen Gast so schnell entfernet habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden wisse?
"Den kenne ich wohl", antwortete dieser, "das ist unseres Herrgotts Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Mädchen von dicken Hälsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt, dass sie blind werden. Er heisst eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein Gelehrter sein will, heisst er sich Doktor Calmus. Er nistet sich bei einen Esel geheissen hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund."
"Mit dem Herzog muss er aber nicht gut stehen", bemerkte der schlaue Herr, "denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft."
"Ja, mit Herrn Ulerich steht er freilich nicht gut; das ging aber so: der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdbund, der hatte sich im Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte der Hund, er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier heilen könnte, und zufällig war der Kahlmäuser da, und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an. Er bekam im Schloss in Stuttgart alle Tage gut zu essen und eine Mass Wein; das schmeckte ihm nun so gut, dass er über ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da liess ihn eines Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe. Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es sich, dass sie schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog den Kahlmäuser, so lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter, dass er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor Calmus nicht gut auf den