"Ei, – So, – Wie", flüsterten die Bürger und rückten näher zusammen, als erwarteten sie wichtige Kunde.
Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurück, steckte die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige Zoll länger aus und sprach: "Ja, ja ihr Leute, dort sieht es arg aus; alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in grossem Schaden, denn die Obstbäume sind alle abgehauen, man schiesst mit aller Macht auf Stadt und Schloss, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloss liegen vierzig Ritter, aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr lange halten!"
"Was? ein paar Mäuerlein?" rief der fette Herr und setzte seine Kanne klirrend auf den Tisch; "wer je das Schloss von Tübingen gesehen hat, kann nicht von ein paar Mäuerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten, wo es an den Berg stösst, zwei tiefe Graben, dass die Bündler mit keiner Leiter hinaufkönnen, und Mauern zwölf Schuh dick, und Türme, aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen lassen."
"Umgeschossen, umgeschossen!" rief der lange Mann mit so greulich hohler stimme, dass die erschrockenen Bürger die Türme von Tübingen krachen zu hören glaubten; "den neuen Turm, den der Ulerich neulich aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden wäre."24
"Aber damit ist noch nicht alles hin", antwortete der Zerlumpte. "Und die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloss, und haben schon manchen auf dem Wört am Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf geschossen, dass er heute noch Ohrensumsen hat."25
"Da seid Ihr falsch berichtet", sprach der Hagere nachlässig; "Ausfälle? dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel; es sind Griechen, ich weiss nicht vom Ganges oder Epiros, man heisst sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der lässt keinen Hund aus dem Loch ausfallen."26
"Der hat halt auch ins Gras beissen müssen", entgegnete der zerlumpte Mann mit einem höhnischen Seitenblicke; "die Hunde, wie Ihr sie nennt, sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und haben ihn gebissen und gefangen, und –"
"Gefangen? den Samares?" rief der Lange aus seiner vornehmen Ruhe aufgeschreckt; "Freund, das habt Ihr falsch gehört!"
"Nein", antwortete jener sehr ruhig, "ich habe die Glocken läuten hören, als man ihn in Sankt-JörgenKirche begraben hat."
Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden um zu erforschen, was für einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache? Er liess seine buschigen Augenbrauen herab, dass von seinen Augen nichts mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dünnen Knebelbart, schlug mit der knöchernen Hand auf den Tisch und sagte: "Und wenn sie ihn auch in zehn Stücke zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! das Schloss muss über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute Nacht Württemberg. Der Ulerich ist zum Land hinaus, und meine gnädige Herren und gönner sind Meister."
"Wer steht Euch davor, dass er nicht wiederkommt? und dann? – –" sagte der kluge, fette Herr, und klappte den Deckel zu.
"Was? wiederkommen", schrie jener; "der Bettelmann? wer sagt das, dass er wiederkommt; wer wagt es? He?"
"Was geht es uns an?" murmelten die Gäste unmutig; – "wir sind friedliche Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern anders werden. – Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein Wort erlaubt sein?" So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden, dass ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten und sagte: "Es war nur zur Erinnerung, dass wir den Herzog fürder nicht mehr brauchen; mein Seel, mir ist er wie Gift und Operment, darum gefällt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn gemacht hat; ich will es einmal singen." Die Bürger sahen finster vor sich hin, und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem unglücklichen Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk, und sang mit heiserer, unangenehmer stimme:
"Vater unser
Reutlingen ist unser.
Der du bist
Esslingen hat nicht lange Frist.
Geheiligt werde dein Nam';
Heilbronn und Weil wollen wir han,
Zukomm uns dein Reich,
Ulm sieht uns auch gleich.
Dein Will geschehe
Die Münz' hat gereiht ein anderes Geprähe.
Unser täglich Brot
Wir haben Geschütz für alle Not.
Gib uns heute und vergib uns unsere Schuld,
Wir haben des Königs in Frankreich Huld,
Als wir vergeben unseren Schuldigern,
Wir wollen dem Bund das Maul zusperrn!
Lass uns nicht versucht werden
Wir wöllen bald Kaiser werden.
Sondern erlös uns vom Übel. Amen!
So behalten wir des Kaisers Namen."27
Er schloss seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnörkel, der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als dass die Bürger einander heimlich anstiessen, und über die jämmerlichen Töne des Sängers, die Achsel zuckten. Er aber