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ihm ihre Sitten, ihre Sprache vor; sein Franken, so nahe es an dieses Württemberg grenzte, hatte doch wieder einen anderen Schlag von Leuten; es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in manchen Dingen weniger roh als diese. Aber die gutmütige Ehrlichkeit dieser Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus ihrem ganzen Wesen hervorblitzte; ihre muntere, unverdrossene Arbeitsamkeit; ihre Reinlichkeit, die ihrer Armut ein ehrbares, sogar schmukkes Ansehen gab, dies alles machte, dass er zu fühlen glaubte, es haben diese Leute als Menschen mehr inneren Gehalt als die, welche er in seinen Gauen kennengelernt hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel Verschlagenheit zeigten.

Bewundern musste er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des Mädchens. Die runde Frau mochte schmälen wie sie wollte, mochte sie noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie liess es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken; als nämlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bette des Verwundeten wachte. Doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein; es mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Geräusch im Zimmer aufgeschreckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen; seine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er sich in eine grosse Kappe gehüllt hatte, sie glaubte einen Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu erkennen.

Neugierig, endlich einmal zu hören was dieser Mann bei dem Vater zu tun habe, schloss sie ihre Augen wieder fest zu, denn es war ihr wahrscheinlich, dass ihr Vater sie nur im Zimmer liess, weil er sie für fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzählte von einem fräulein, die über eine gewisse Nachricht untröstlich sei. Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf das fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken geschildert und versprochen, dass er, sobald sich der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um dem fräulein diesen Trost zu bringen. Der fremde Mann hatte sodann dem Kranken ein Löckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er vom Vater geführt, aus der stube gegangen, und kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht und Nebel wieder wegreiten.

Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachten aber jetzt aufs neue, aufgeregt durch das, was Bärbele durchs Küchenfenster gesehen hatte. Sie wusste, dass der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses fräulein musste es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt hatte, um sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen.

Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern, die krank in Gefangenschaft gelegen, und von holden fräulein errettet wurden, alles, was über dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzählt worden warund es gab viele "grausige" Geschichten hierüber –, kam ihr in das Gedächtnis. Sie wusste nun zwar nicht, wie es mit der Minne so vornehmer Leute beschaffen sei, aber sie dachte, es werde den hohen fräulein wohl ungefähr ebenso ums Herz sein, wie den Mädchen von Hardt, wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen oder Köngen ihr Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht kam ihr das Verhältnis, dem sie in Gedanken nachspürte, gar reizend vor, besonders dachte sie sich den Schmerz des Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht grausam und rührend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder tot sei, wie sie nicht zu ihm könne, um ihn zu sehen und zu pflegen.

Sie wusste ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es hatte eine schöne Weise, und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in den Sinn; es hiess:

"Wenn i im Bett lieg und bi krank,

Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz;

Und wenn i im Grab lieg und faule,

Wer kusst no ihr Honigmaule?"

Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als sie bedachte, wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können, und wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wäre, und doch war sie gewiss recht schön und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das guterzige Schwabenkind weiter; dem fräulein hatte ja der Vater jetzt Nachricht von ihm gebracht, aber er, er wusste ja seit vielen Tagen kein Wörtchen von ihr; denn früher wusste er nichts von sich selbst, und seit er wieder ganz bei Leben war,