weniger kühnen Mann als seinen Führer und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel hatte sie wohl nicht) gebracht hätte. Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne, und ein so schöner Kopf, solche freundliche Augen hätten vielleicht in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre es nicht von einem Bild schon ganz erfüllt gewesen, wäre nicht die Kluft so unendlich gross gewesen, welche Geburt und Verhältnisse zwischen den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt hatte. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf ihren reinen, unschuldigen Zügen, und wäre die runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr wohl die Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes aufstieg, wenn zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes begegnete.
"Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen." Dieser richtige Spruch galt auch hier sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen; er musste gewiss sein, wann der Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen würde, weil er nur seine Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr zu eilen; und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Über das erstere konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher schon gesagt hatte; der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend; habe aber versprochen am fünften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarten ihn daher stündlich. Die runde Frau vergoss Tränen, indem sie dem Junker klagte, dass ihr Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige Stunden zu Haus gewesen sei; er sei von früheren zeiten her schon als ein unruhiger Mann berüchtigt; jetzt murmeln die Leute auch wieder allerlei über ihn, und gewiss bringe er seine Frau und sein Kind durch sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer.
Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu stillen; es gelang ihm wenigstens insoweit, dass sie ihm seine fragen nach dem Bundesheer beantwortete.
"Ach Herr", sagte sie; "des ist a Graus und a Jomer; 's ist grad wie wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet, und mit seine g'schpenstige Hund übers Land wegzieht. 's ganz Unterland hent se schau, und jetzt got's mit em hella Haufa ge Tibenga."
"So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?" fragte Georg verwundert; "Höllenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind sie alle schon eingenommen?"
"Älles hent se; a Mann vo Schorndorf hot's g'sait, dass se de Hollastoi, Schorndorf und Göppenga hent. Aber von Teck und Aurich kane Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier stunde davo." Sie erzählte nun, am dritten April sei das Heer vor Teck gezogen; sie haben einen teil des Fussvolkes vor das eine Tor gesetzt, und sich mit der Besatzung über die Übergabe besprochen. Da seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehört, und indessen sei das andere Tor von den Feinden bestiegen worden. Im Schloss Urach aber seien vierhundert herzogliche Fussknechte gewesen; diese habe die Bürgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind anrückte. Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von einer Kugel getroffen, und nachher mit Hellebarden niedergestossen worden; die Stadt habe sich dem Bunde ergeben. "Es ist koi Wunder", schloss die runde Frau ihre Erzählung, "älle Burga und Schlösser nemmet se ei; denn se hent lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schiesset, graisser als mei Kopf, dass älle Maura zema brecha, und älle Tirn eifalle müasset."
Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, dass eine Reise von Hardt nach Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde, als jener Ritt über die Alb, denn er musste gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere verlassen; die Belagerung von Tübingen musste notwendig viele Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, dass keine eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen hatte, besetzt halten werden.
Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers. Seine Kopfwunde war geheilt; sie war nicht tief gewesen, denn die Federn seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm geführt worden war, seine Schärfe benommen; doch war der Schlag noch immer kräftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewusstseins zu berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt, und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem Wundfieber zuschrieb; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde, denn ein frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne, verjagen gar bald solche schlimme Gäste.
Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche Neugierde dazu, ihm die langsam hinschleichenden Stunden erträglich zu machen; es gehörte die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um ihn vergessen zu lassen, wie unerträglich lange ihr Vater auf sich warten lasse. Er sah hier, was er sich schon lange zu sehen gewünscht hatte, eine echte, schwäbische Bauernwirtschaft. Wie drollig kamen