den Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen, wenn er mit starren Augen ohne Bewusstsein, beinahe ohne Leben, dalag; seine bleichen, noch im Kampf mit dem tod so schönen Züge hatten sie oft angezogen, wie ein rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anziehet, aber jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen waren wie"dem Bärbele auf den Zehen" bedünken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine solche gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strängen um die schöne Stirne, es fiel geordnet und reich in den Nacken hinab.
Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen waren so frisch wie die Kirschen an Peter und Paul; und wie ihn das seidengestickte Wams gut kleidete; und der breite weisse Halskragen, den er über das Kleid herausgelegt hatte. Aber das konnte das Mädchen nicht ergründen, warum er wohl immer auf eine aus weiss und blauer Seide geflochtene Schärpe niedersah; so fest, so eifrig, als wären geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemüht sei. Ja, es kam ihr sogar vor als drücke er die Feldbinde an das Herz, als führe er sie an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt.
Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein vollendet. "'s ist a Herr wie na Prenz", sagte sie, indem sie das Habermus umrührte; "was er a Wammes a hot; dia Herra z' Stuagerd kennets et schöner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der Hand hot? Er guckta jo schier ausenander! Es ist, ka sei, a bisle Bluat na komma, dass ens verzirnt."A14
"Noi sell isch et", entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer das Zimmer übersehen konnte; "aber wisseter Muater wia mers fürkommt? er macht so gar fuirige Auga druf na; sell ist gewiss ebbes von seim Schaz."A15
Die runde Frau konnte sich nicht entalten, über die richtige Vermutung ihres Kindes etwas weniges zu lächeln, doch schnell nahm sie ihre mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie entgegnete: "A, was woist du von Schäz! So na Kind wia du muass gar an nix so denka. gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang mir sell Häfele her. Der Herr wird a fürnehms Fressa gwohnt sei, i muass am a bisle viel Schmalz in da Brei dauh."A16
Bärbele verliess etwas empfindlich das Fenster: sie wusste, dass sie ihrer Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal hatte sie offenbar unrecht. Ging nicht das Mädchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz, wo von den Mädchen des Dorfes über Schätzchen und Liebe viel gesprochen und gesungen wurde, hatten nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige Wochen älter waren als sie, schon jede einen erklärten Schatz, und sie allein sollte nicht davon sprechen, nicht einmal etwas davon wissen dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau, ihrem Töchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der Mutter über die Schulter sehen konnte, solche Wissenschaft geradehin zu verbieten. Aber wie es zu geschehen pflegt: das Verbot reizt gewöhnlich zur Übertretung, und Bärbele nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis sie wisse, warum der junge Ritter mit so gar "fuirigen Augen" auf seine Feldbinde hinschaue.
Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte nichts mehr als ein Becher guten alten Weines; auch dieser war bald herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann, aber nicht so arm, dass er nicht für feierliche Gelegenheiten ein Fässchen im Keller liegen hatte; das Mädchen trug den Wein und das Brot, und die runde Frau ging im vollen Sonntagsstaat, die Schüssel mit Habermus in beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die stube.
Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knicksen der Pfeifersfrau Einhalt zu tun; sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem Schloss zu Neuffen gedient, und wusste was Lebensart war; daher blieb sie mit der rauchenden Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter aber stand errötend hinter der runden Frau, und ihr verschämtes Gesicht ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht tief verneigte. Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse, doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein halb Stündchen mit ihm geplaudert.
Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen; setzte dem Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der Bank unter dem Kruzifix; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten hölzernen Löffel in das Mus; er blieb aufrecht darin stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, dass das Frühstück delikat bereitet sei. Als der Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung und nicht ohne das Salzfass zwischen sich und ihren vornehmen Gast zu stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten, alten zeiten.
Georg hatte, während sie das Frühmahl verzehrten, Musse genug, die beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, dass die Hausehre des Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen