, zuweilen wohl auch träumend auszusehen, aber heute, bei einem so glänzenden Aufzug so ganz ohne Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein grosses Unrecht. Sie wollte sie eben zur Rede stellen, als ein Geräusch von der Strasse her, ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein mächtiges Ross bäumte sich in der Mitte der Strasse unter Ihrem Fenster, wahrscheinlich scheue gemacht durch die flatternden Fahnen der Zünfte. Sein hoch zurückgeworfener Kopf verdeckte den Reiter, so dass nur die wehenden Federn des Baretts sichtbar waren; aber die Gewandteit und Kraft, mit welcher er das Pferd herunterriss und zum Stehen brachte, liess einen jungen mutigen Reiter ahnen. Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung über das Gesicht herabgefallen, als er es zurückschlug, traf sein blick das Erkerfenster.
"Nun dies ist doch einmal ein hübscher Herr", flüsterte die Blonde ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als fürchte sie von dem schönen Reiter gehört zu werden, "und wie er artig und höflich ist! siehe nur, er hat uns gegrüsst ohne uns zu kennen!"
Aber das stille Bäschen Marie schien der Kleinen nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken; ein glühendes Rot zog über die zarten Wangen. Ja! wer die ernste Jungfrau gesehen hatte, wie sie so kalt auf den Zug hinabsah, hätte wohl nie geahnet, dass so viel holde Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge wohnen könnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch ein leichtes Neigen des Hauptes den Gruss des jungen Reiters erwiderte.
Der kleinen Schwätzerin war unsere flüchtige aber wahre Bemerkung über dem Anblick des schönen Mannes völlig entgangen; "Nur schnell Oheim", rief sie und zog den alten Herrn am Mantel, "wer ist dieser in der hellblauen Binde mit Silber? Nun?"
"Ja liebes Kind", antwortete der Oheim, "den habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst, sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unseren Töpfen laben wollen."
"Mit Euch ist doch nichts anzufangen", sagte die Kleine und wandte sich unmutig ab; "die alten und gelehrten Herren kennet Ihr alle auf hundert Schritte und weiter; wenn man aber einmal nach einem hübschen, höflichen Junker fragt, wisst Ihr nichts. Du bist auch so Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession an Fronleichnam wäre; ich wette, du hast das Schönste von allem nicht gesehen, und hattest noch den alten Frondsberg im kopf, als ganz andere Leute vorbeiritten!"
Der Zug hatte sich während dieser Strafrede Bertas vor dem rataus aufgestellt, die bündische Reiterei, die noch vorüberzog, hatte wenig Interesse mehr für die beiden Mädchen, als daher die Herren abgesessen und zum Imbiss ins Rataus gezogen waren, als die Zünfte ihre Glieder auflösten und das Volk sich allmählich zu verlaufen begann, zogen auch sie sich vom Fenster zurück.
Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein. Ihre Neugier war nur halb befriedigt. Sie hütete sich übrigens wohl, vor dem alten, ernsten Oheim etwas merken zu lassen. Als aber dieser das Gemach verliess, wandte sie sich an ihre Base, die noch immer träumend am Fenster stand:
"Nein! wie einen doch so etwas peinigen kann! Ich wollte viel darum geben, wenn ich wüsste, wie er heisst; dass du aber auch gar keine Augen hast, Marie! Ich stiess dich doch an, als er grüsste. Siehe, hellbraune Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das ganze Gesicht ein wenig bräunlich, aber hübsch, sehr hübsch. Ein Bärtchen über dem Mund, nein! ich sage dir – Wie du jetzt nur wieder gleich rot werden kannst", fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort, "als ob zwei Mädchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schönen Mund eines jungen Herrn sprechen dürften. Dies geschieht oft bei uns; aber freilich bei deiner seligen Frau Muhme in Tübingen und bei deinem ernsten Vater in Lichtenstein, kamen solche Sachen nicht zur Sprache, und ich sehe schon, Bäschen Marie träumt wieder, und ich muss mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig schwatzen will."
Marie antwortete nur durch ein Lächeln, das wir vielleicht etwas schelmisch gefunden hätten; Berta aber nahm den grossen Schlüsselbund vom Haken an der tür, sang sich ein Liedchen und ging, um noch einiges zum Mittagessen zu rüsten. Denn wenn man ihr auch etwas zu grosse Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute Haushälterin, als dass sie über der flüchtigen Erscheinung des höflichen Reiters das Zugemüse und den Nachtisch vergessen hätte.
Sie hüpfte hinaus und liess ihre Base allein bei ihren Gedanken; und auch wir stören sie nicht, wenn sie jetzt die schönen Bilder der Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einemmal aus dem tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit gedenkt, wo ein flüchtiger blick von ihm, ein Druck seiner Hand, ihre Tage erhellte, wenn sie jener Nächte gedenkt, wo sie im stillen Kämmerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schärpe flocht, deren freudige Farben sie heute aus ihren Träumen weckten; wir lauschen nicht, wenn sie errötend und mit niedergeschlagenen Augen sich fragt, ob Bäschen Berta den süssen Mund des Geliebten richtig beschrieben habe?