. Zu dem alten Lichtenstein kam öfters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns geheime Winke, dass dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir gesprochen haben, auch wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhält sich nun diese Sache?"
Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. "So wahr ein Gott über mir ist", sagte er, als Frondsberg geendet hatte, "ich bin unschuldig. Heute frühe kam ein Bauer zu mir und –"
"Nun, warum verstummst du auf einmal", fragte Frondsberg, "du glühst ja über und über, was ist es denn mit diesem Boten?"
"Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von – meinem Liebchen!" Der junge Mann öffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen Streifen von Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. "Seht, dies ist alles, was er brachte", sagte er, indem er es Frondsberg bot.
"Das ist also alles?" lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; "armer Junge! und du kennst also diesen Mann nicht näher? Du weisst nicht, wer er ist?"
"Nein, er ist auch weiter nichts, als unser Liebesbote, dafür wollte ich stehen!"
"Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften soll; weisst du denn nicht, dass es der gefährlichste Mann ist? es ist der Pfeifer von Hardt."
"Der Pfeifer von Hardt?" fragte Georg, "zum erstenmal höre ich diesen Namen; und was ist es dann, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?"
"Das weiss niemand recht, er war im Aufstand vom Armen Konrad einer der schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit führt er ein unstetes Leben, und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs von Württemberg."
"Und hat man ihn aufgefangen?" forschte Georg weiter, denn unwillkürlich nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen Diener.
"Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als möglich die Anzeige, dass er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz in geheim aufheben wollten, war er über alle Berge. Nun, ich glaube deinem Wort und deinen ehrlichen Augen, dass er in keinen andern Angelegenheiten zu dir kam. – Du kannst dich übrigens darauf verlassen, dass er, wenn es derselbe ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen sich nach Ulm wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wächter ruft zehn Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr und verträume deine Gefangenschaft. Vorher aber gib mir dein Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich dir, wenn du Ulm verlässt ohne dem alten Frondsberg Lebewohl zu sagen –"
"Ich komme, ich komme", rief Georg, gerührt von der Wehmut des verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lächelnden Miene zu verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte, der Ritter aber verliess mit langsamen Schritten die Totenkammer.
XII
Nur einmal noch lass leuchten
Mir deiner Augen Strahl,
Lass hören deine stimme
Nur noch ein einzig Mal!
C. Grüneisen
Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drükkende Strahlen auf einen Reiter, welcher über den teil der Schwäbischen Alb, der gegen Franken ausläuft, hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut, und ritt ein hochgewachsenes Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war wohlbewaffnet mit Brustarnisch, Dolch und Schwert; einige andere Stücke seiner Armatur, als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und weiss gestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich über die Brust zog, liess erraten, dass der junge Mann von Adel war, denn diese Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer Stände.
Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht ins Tal hinab gewährte. Er hielt sein schnaubendes Ross an, wandte es zur Seite und genoss nun den schönen Anblick, der sich vor seinem digen Höhen begrenzt, durchströmt von den grünen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die Hügelkette der württembergischen Alb, zu seiner Linken in weiter, weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau spannte der Himmel seinen Bogen über diese Szene, und seine sanften lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwärzlichen Mauern Ulms, das am fuss des berges lag, mit seinem dunkelgrauen, ungeheuren Münsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in diesem Augenblick den Mittag einzuläuten, ihre Töne zogen in langen, beruhigenden Akkorden über die Stadt über die weite Ebene, bis sie sich an den fernen Bergen brachen, und zitternd in das Blau der Lüfte verschwebten, als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wünsche der Menschen zum Himmel tragen.
"So begleitet ihr also den Scheidenden wie ihr seinen Eintritt begrüsst habt", rief der junge Reiter, "mit denselben Tönen,