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und wo nichts ist: da hat der Kaiser das Recht verloren."

"Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll", antwortete Georg erbittert, "so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen können, dass er in ihrem Gedächtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr müsst viel getan haben in der Welt, dass Ihr Euch herausnehmt auf andere so tief herabzusehen!"

"Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben was ich reden soll?" unterbrach ihn Waldburg; "was braucht es da das lange Schwatzen? ich will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln, und Euch nach unseren Befehlen richten wollet oder nicht!"

"Herr Truchsess", antwortete Georg mit mehr Ruhe als er sich selbst zugetraut hatte; "Ihr habt durch Eure scharfe Reden nichts gezeigt, als dass Ihr wenig wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn meines tapfern Vaters sprechen müsse. Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer ärgster Feind wäre, darum kann ich nichts tun, als wie Ihr selbst befehlt, mein Ross satteln, aber gewiss nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig von Euch für immer; gehabt Euch wohl!"

Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen, und wandte sich, zu gehen.

"Georg!" rief Frondsberg, indem er aufsprang, "Sohn meines Freundes! –"

"Nicht so rasch, Junker", riefen die übrigen, und warfen missbilligende Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schloss und die gewaltigen Flügel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihn und den wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Männer; sie schieden Georg von Sturmfeder auf ewig von dem Schwäbischen Bunde.

X

O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,

Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,

Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet,

Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.

P. Conz

Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über das Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu entscheiden er so lange gezögert hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie besser nicht hätte wünschen können. So hatte er jetzt einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der Oberstfeldlieutenant musste die Schuld sich selbst beimessen.

Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog, von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der Donner der Geschütze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden Töne der Trompeten ihn begrüssten, wie schlug da sein Herz dem Kampf entgegen, um Marien zu verdienen. Und als er das erstemal vor jenen Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen dieses Mannes zu Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche Phantasie umgeben hatte; wie schämte er sich, sein Schwert für die zu ziehen, die nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der feindlichen Seite zu wissen, treu ergeben dem unglücklichen Fürsten, den auch er aus seinen Grenzen zu jagen helfen sollte? Um eine solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, das unter jedem Wechsel treu für ihn schlug? "Nein! Du hast es wohl mit mir gemeint", sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne, der durch die runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte; "du hast es wohl mit mir gemeint, was jedem andern, der heute an meiner Stelle stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil gelenkt!" Jene Heiterkeit, die, seit er wusste, wie furchtbar sich das Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trüben Ernste gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen Mund zurück; er sang sich ein frohes Lied, wie in seinen frohesten Augenblicken. –

Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. "Nun das ist doch sonderbar", sagte er, "ich eile nach Haus, um meinen Gast in seinem gerechten Schmerz zu trösten, und finde ihn so fröhlich wie nie; wie räume ich das zusammen?"

"Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dieterich", entgegnete Georg, der für geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen, "habt Ihr nie gehört, dass man auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen könne?"

"Gehört hab ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick", antwortete Kraft.

"Nun, und Ihr habt also auch von der verdrüsslichen geschichte gehört", fragte Georg, "man erzählt sich es gewiss schon auf allen Strassen?"

"O nein", antwortete der Ratsschreiber, "man weiss nirgens etwas davon, man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Württemberg damit ausposaunen müssen. Nein! ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen Quellen, und erfahre manches noch in der Stunde wo es getan oder gesprochen wurde.