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dahin vorauszueilen, um jenem dort die nötigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit

Und doch, wenn er sich das kühne Auge, die kluge verschlagene Miene des Mannes ins Gedächtnis rief, glaubte er hoffen zu dürfen, dass Marie, obgleich ihr keine grosse Wahl übrigblieb, keinem unsicheren Mann diese Botschaft anvertraut haben konnte.

Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, als ihm um Mittag ein Landsmann aus Franken gemeldet, und sein Liebesbote hereingeführt ward. Welche Gewalt musste dieser Mensch über sich haben. Es war derselbe, und doch schien er ein ganz anderer. Er ging gebückt, die arme hingen schlaff an dem Körper herab, selten schlug er die Augen auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Blödigkeit, der Georg ein unwillkürliches Lächeln abnötigte. Und als er dann zu sprechen anfing, als er ihn in fränkischer Mundart begrüsste, und mit der geläufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine mancherlei fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an übernatürliche Dinge zu glauben; die Märchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich widmet, und sie glücklich mitten durch das feindselige Schicksal hindurchführt.

Der Zauber war zwar bald gelöst, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer allein war, und ihn der gute Schwabe von seiner Persönlichkeit versicherte, aber doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen, über die Rolle, die er so gut gespielt.

"Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit", antwortete der Bauer, "man wird oft genötigt, von Jugend auf durch solche Künste sich fortzuhelfen, sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann."

Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote aber bat dringend, er möchte doch jetzt auch auf seine Abreise denken, er möchte bedenken wie sehr sich das fräulein nach dieser Nachricht sehne, dass er nicht früher heimkehren dürfe, als bis er diese Gewissheit bringen könne.

Georg antwortete ihm, dass er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres abwarten wolle, um in seine Heimat zurückzukehren.

"Oh, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten", antwortete der Bote; "wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es übermorgen, denn das Land ist offen bis ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag ich Euch dies."

"Ist es denn wahr, dass die Schweizer abgezogen sind", fragte Georg, "und dass der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?"

Der Bote warf einen lauernden blick im Zimmer umher, öffnete behutsam die tür, und als er sah, dass kein Lauscher in der Nähe sei, begann er:

"Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, und wenn ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb grosse Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet; ihre Räte und Landamtmänner hatten sie heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch über achttausend Mann, jedoch lauter gute Württemberger und nichts andres drunter."

"Und der Herzog", unterbrach ihn Georg, "wo war denn dieser? –"

"Der Herzog hatte in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.16 Da kam er gegen Blaubeuren, wo sich sein Landvolk gelagert hatte. Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekannt gemacht, dass sich bis neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren viele Männer, die dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und dasselbe. Seht, Junker! der Herzog Ulerich ist ein gestrenger Herr, und weiss den Bauer nicht für sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart, der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verprasst was man uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Unglück ist, da ist es gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, dass er ein tapferer Mann und unser unglücklicher Herzog sei, dem man wolle das Land mit Gewalt entreissen. Es ging ein Gemurmel unter uns, dass der Herzog wolle eine Schlacht liefern, und jeder drückte das Schwert fester in der Hand, grimmig schüttelten sie ihre Speere und riefen den Bündlern Verwünschungen zu. Da kam der Herzog –"

"Du sahst den Herzog, du kennst ihn?" rief Georg neugierig. "O sprich, wie sieht er aus? –"

"Ob ich ihn kenne?" sagte der Bote mit sonderbarem Lächeln, "wahrhaftig ich sah ihn als es ihm nicht wohl war mich zu sehen. Der Herr ist noch ein junger Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreissig Jahr. Er ist stattlich und kräftig, und man sieht ihm an, dass er die Waffen zu führen weiss. Augen hat er wie Feuer, und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute. – Der Herzog trat in den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille unter den vielen Menschen. Mit vernehmlicher stimme sprach er, dass er sich also verlassen, nimmer zu helfen wüsste.17 Diejenigen, worauf er gehofft, seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die Schweizer könne er keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: 'Herr Herzog! habt Ihr unsern Arm schon versucht, dass Ihr die