Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als im Städtchen, wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben unsereins versteht, da gab sie mir dies Blättchen und bat mich, Euch aufzusuchen."
"Ich danke dir herzlich, guter Hanns", sagte der Jüngling. "Aber hat sie dir sonst nichts an mich aufgetragen?"
"Ja", antwortete der Bote, "mündlich hat sie mir noch etwas aufgetragen; Ihr sollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor."
"Mit mir?" rief Georg; "das hast du nicht recht gehört, wer und was soll man mit mir vorhaben?"
"Da frage Ihr mich zuviel", entgegnete jener, "aber wenn ich es sagen darf, so glaube ich die Bündischen. Das fräulein setzte noch hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, dass sich jedermann darob verwunderte? Glaubt nur es hat allemal etwas zu bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist."
Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers; er entsann sich auch, dass Mariens Vater tief in die Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei, und vielleicht etwas erfahren habe, was sich zunächst auf ihn bezöge? Aber er mochte sinnen wie er wollte, so konnte er doch nichts erfinden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung Mariens gepasst hätte. Mit Mühe riss er sich aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden habe?
"Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen", antwortete er; "ich sollte Euch bei Herrn Dieterich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber die Strasse hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte, eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das Fussvolk zu betrachten. Wahrlich der Frondsberg hat es weit gebracht. – Nun da war mir's, als hörte ich nahe bei mir Euren Namen nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die sprachen von Euch und deuteten auf Euch hin, ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiss war, so gab ich Euch das Rätsel von Sturm und Licht auf."
"Das hast du klug gemacht", sagte Georg lächelnd "aber dennoch komme in mein Haus, dass man dir etwas zu essen reiche; wann kehrst du wieder heim?"
Hanns bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem ein schlaues Lächeln um seinen Mund zog: "Nichts für ungut, Junker, aber ich habe dem fräulein versprechen müssen, nicht eher von Euch zu weichen, als bis Ihr dem bündischen Heer Valet gesagt habt!"
"Und dann?" fragte Georg.
"Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein, und bringe ihr die gute Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! alle Tage steht sie wohl im Gärtchen auf dem Felsen, und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hanns noch nicht kommt!"
"Die Freude soll ihr bald werden", antwortete Georg, "vielleicht reite ich schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein."
"Aber greifet es doch klug an", sagte der Bote, "das Pergament darf nicht breiter sein als jenes, das ich brachte. Denn ich muss es wieder im Kniegürtel verstecken. Man weiss nicht, was einem in so unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand."
"Es sei so", antwortete Georg, indem er aufstand. "Für jetzt lebe wohl, um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Münster. Gib dich für meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den Württembergern nicht grün."
"Sorgt nicht, Ihr sollt zufrieden sein", rief Hanns dem Scheidenden zu. Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand sich, dass das holde Pflegekind seiner Schwester keine üble Wahl getroffen habe, wenn auch die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas von ihren blühenden Farben verloren hatten.
IX
Was unter dieser Sonne kann es geben,
Das ich nicht hinzuopfern eilen will,
Wenn Sie es wünschen? – Fliehen Sie!
Schiller
Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem Kraftischen haus benehmen werde. Er fürchtete nicht ohne Grund, jener möchte sich durch seine Mundart, durch unbedachte Äusserungen verraten, was ihm höchst unangenehm gewesen wäre; denn, je fester er bei sich beschlossen hatte, das Bundesheer in den nächsten Tagen zu verlassen, um so weniger mochte er in Verdacht geraten, in Verbindung nach dem Württemberg hinüber zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im schlimmen Falle, wenn der Bote entdeckt würde, wenn er bekannte, an ihn geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und den Mann aufsuchen, ihn bitten, sich so bald als möglich zu entfernen, aber als er bedachte, dass dieser schon längst von dem Platz ihrer Unterredung sich entfernt haben müsse, dass er indes zu Kraft kommen könne, schien es ihm geratener,